68 | ZAHNMEDIZIN NEUROLOGISCHE WARNZEICHEN IN VERBINDUNG MIT DENTALEM FOKUS Hirnabszess im Verlauf einer odontogenen Infektion Jil Weigelt, Evgeny Barsukov, Paul Kremer, Malte Vollmer-Rupprecht, Henning Hanken Ein gesunder junger Mann entwickelt nach zunächst unspezifischer Kopfschmerzsymptomatik und initial unauffälliger neurologischer Diagnostik im weiteren Verlauf einen ausgedehnten linksfrontalen Hirnabszess. In der Zusammenschau der Befunde gilt eine odontogene Infektionsquelle als wahrscheinlich. Der Fall verdeutlicht die diagnostischen Herausforderungen früher Stadien und zeigt: Bei neurologischen Warnzeichen in Verbindung mit einem dentalen Fokus sollte frühzeitig interdisziplinär vorgegangen werden. Ein 28-jähriger, gesunder Patient ohne relevante Vorerkrankungen oder Vormedikation stellte sich Mitte Januar 2023 mit unspezifischen, analgetisch nicht ausreichend behandelbaren Kopfschmerzen erstmals in einer Klinik in Hamburg vor. Dort erfolgte eine umfassende neurologische Diagnostik mit Anamnese, klinischer Untersuchung, kranialer MRT sowie Lumbalpunktion, welche zu diesem Zeitpunkt keinen pathologischen Befund ergab. Differenzialdiagnostisch wurde bei zunächst unauffälliger Bildgebung und Liquordiagnostik ein primäres Kopfschmerzsyndrom angenommen – klinisch am ehesten ein Clusterkopfschmerz – und eine Therapie mit Triptanen eingeleitet. Der Patient wurde in die Häuslichkeit entlassen. Im weiteren Verlauf traten zu den weiterhin intermittierend bestehenden Kopfschmerzen zusätzlich Zahnschmerzen im linken Oberkiefer hinzu. Der Patient stellte sich daraufhin bei seinem Hauszahnarzt vor. Klinisch und röntgenologisch wurde eine profunde Karies an Zahn 26 diagnostiziert. Es folgten die zeitnahe Extraktion des Zahnes sowie die Einleitung einer oralen antibiotischen Therapie mit Amoxicillin 1.000 Milligramm, das vom Patienten jedoch nur unregelmäßig eingenommen wurde. Für die retrospektive Aufarbeitung standen keine vollständigen Angaben zu Sensibilitätsbefund, Apikalstatus oder einer periapikalen Osteolyse zur Verfügung. Der odontogene Fokus wird daher nicht allein aus dem kariösen Befund abgeleitet, sondern aus der Gesamtschau von dentalem Befund, zeitlichem Verlauf, Mitbeteiligung des linken Sinus maxillaris und dem späteren Nachweis eines typischen oralen anaeroben Erregers bewertet. Zuhause persistierten die Kopfschmerzen und nahmen im Verlauf an Intensität zu. Zusätzlich traten Vigilanzminderungen und kognitive Eintrübungen auf, die auch dem sozialen Umfeld auffielen. Schließlich zeigte der Patient beim Abendessen eine akute Bewusstseinsstörung mit fehlender Ansprechbarkeit und Einnässen. Aufgrund der anhaltenden Desorientiertheit wurde er notfallmäßig in eine Klinik eingeliefert. Diagnostik Bei der Aufnahme zeigte sich der Patient wach, teilorientiert und psychomotorisch verlangsamt. Neurologisch fielen lebhafte Reflexe mit verbreitertenReflexzonen sowie ein unerschöpflicher Fußklonus auf. Die übrige neurologische Untersuchung war unauffällig. Laborchemisch zeigte sich eine Leukozytose. Das CCT vom 29. Januar 2023 zeigte eine große linksfrontale Raumforderung mit ausgeprägtem perifokalem Ödem (Abbildungen 1 und 2). In der einen Tag später durchgeführten MRT konnte ein linksfrontaler Abszess mit einer Ausdehnung von 56 mm × 68 mm nachgewiesen werden (Abbildungen 3, 4 und 5). Mikrobiologisch wurde Fusobacterium nucleatum nachgewiesen, ein anaerober Keim, der zur oralen Flora gehört und häufig mit odontogenen, parodontalen sowie apikalen Infektionen assoziiert ist. Therapie Es erfolgte die notfallmäßige neurochirurgische Entlastung des linksfrontalen Abszesses. Zusätzlich wurde links frontal eine externe Ventrikeldrainage (EVD) angelegt, die als Maßnahme zur Liquor- beziehungsweise Hirndruckkontrolle diente. Aufgrund der bildmorphologischen Mitbeteiligung des linken Sinus maxillaris erfolgte durch die Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurgie eine osteoplastische Kieferhöhlenoperation von enoral. Der Patient wurde intensivmedizinisch betreut und erhielt eine intravenöse antibiotische Therapie mit Vancomycin und Meropenem. Bildgebende Kontrollen zeigten einen rückläufigen Befund ohne Zeichen eines Infarkts, einer Blutung oder einer Liquorabflussstörung. Unter der kombinierten operativen und antibiotischen Therapie zeigte sich in der MRT-Kontrolle vom 7. Februar 2023 ein deutlicher Rückgang des Abszesses auf 24 mm × 18 mm zm116 Nr. 20, 16.10.2026, (1598) ZM-LESERSERVICE Die Literaturliste kann auf www.zm-online.de abgerufen oder in der Redaktion angefordert werden.
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