ZAHNMEDIZIN | 71 Sinus maxillaris sowie der Nachweis von Fusobacterium nucleatum, einem Keim der physiologischen oralen Flora, der häufig mit parodontalen und apikalen Infektionen assoziiert ist [Akashi et al., 2017]. Da keine vollständigen Angaben zur Vitalität, zum Apikalstatus oder zur periapikalen Pathologie vorlagen, bleibt die dentogene Genese in der kausalen Bewertung wahrscheinlich, aber nicht allein durch den Zahnstatus beweisend belegt. Der genaue intrakranielle Ausbreitungsweg lässt sich retrospektiv nicht mit letzter Sicherheit rekonstruieren. Eine direkte Ausbreitung per continuitatem von einem Oberkiefermolaren über den Sinus maxillaris bis zu einem linksfrontalen Abszess ist anatomisch weniger typisch. Plausibler erscheinen eine hämatogene Streuung aus dem odontogenen Fokus oder eine kombinierte odontogen-sinogene Beteiligung. Die Mitbeteiligung des linken Sinus maxillaris stützt eine lokale entzündliche Komponente, beweist jedoch nicht allein den kontinuierlichen Ausbreitungsweg bis frontal [Li et al., 1999; Wei et al., 2023]. Entscheidend in diesem Fall war die interdisziplinäre Behandlung. Die Kombination aus neurochirurgischer Abszessentlastung, MKG-chirurgischer Kieferhöhlensanierung, intensivmedizinischer Überwachung und hochdosierter intravenöser Antibiotikatherapie führte zur Kontrolle der initialen Infektion [Hall and Mesfin, 2026; Evans et al., 2022]. Der weitere Verlauf wurde durch eine symptomatische beziehungsweise strukturelle Epilepsie nach ausgedehnter zerebraler Infektion sowie durch eine Rhabdomyolyse-bedingte akute Nierenschädigung nach prolongierter Anfallsaktivität kompliziert [Kilpatrick, 1997]. Der zusätzlich festgestellte embolische Infarkt im PICA-Stromgebiet rechts könnte infektiologisch oder embolisch bedingt sein, blieb ätiologisch jedoch letztlich unklar. Für die zahnärztliche und ärztliche Praxis ergibt sich aus dem Fall nicht, dass die initiale zahnärztliche Versorgung grundsätzlich unzureichend war: Der Hauszahnarzt stellte die Diagnose, entfernte den betroffenenZahn und leitete eine Antibiose ein. Problematisch waren vielmehr die unzureichende Einnahme der Antibiose, die fortschreitende Symptomatik und die zunächst neurologisch unspezifische Präsentation. Daher gilt: Neurologische Warnzeichen in Kombination mit einem dentalen Fokus sollten unmittelbar zu einer interdisziplinären Eskalation führen. Zugleich schließt ein früh unauffälliges MRT die spätere Entwicklung eines Hirnabszesses bei progredientem klinischem Verlauf nicht sicher aus. Fazit Odontogene Infektionen können – in seltenen Fällen – Ausgangspunkt schwerwiegender intrakranieller Komplikationen sein. Bei persistierenden oder progredienten Kopfschmerzen, einer Vigilanzminderung, kognitiver Eintrübung, epileptischen Anfällen oder anderen neurologischen Warnzeichen in Kombination mit einem dentalen Fokus sollte frühzeitig eine erneute Bildgebung und eine interdisziplinäre Abklärung erfolgen. Ebenso wichtig sind eine konsequente antiinfektiöse Therapie, die Sicherstellung der Patienten-Compliance und eine klare Kommunikation zwischen Zahnmedizin, MKG-Chirurgie, Neurologie, Neurochirurgie, Radiologie und Intensivmedizin. n zm116 Nr. 20, 16.10.2026, (1601) Dr. Dr. Evgeny Barsukov Oberarzt der Klinik für Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurgie/ Plastische Operationen Asklepios Klinik Nord – Heidberg Tangstedter Landstr. 400 22417 Hamburg Foto: www.asklepios.com Dr. Jil Weigelt Klinik für Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurgie/ Plastische Operationen Asklepios Klinik Nord – Heidberg Tangstedter Landstr. 400 22417 Hamburg j.weigelt@asklepios.com Foto: www.asklepios.com Malte Vollmer-Rupprecht Leitender Oberarzt der Klinik für Radiologie Asklepios Klinik Nord – Heidberg Tangstedter Landstr. 400 22417 Hamburg Foto: privat PD Dr. Dr. Henning Hanken Chefarzt der Klinik für Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurgie/ Plastische Operationen Asklepios Klinik Nord – Heidberg Tangstedter Landstr. 400 22417 Hamburg Foto: www.asklepios.com Prof. Dr. Paul Kremer Chefarzt der Klinik für Neurochirurgie Asklepios Klinik Nord – Heidberg Tangstedter Landstr. 400 22417 Hamburg Foto: www.asklepios.com
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