Zahnärztliche Mitteilungen Nr. 04

zm 110, Nr. 4, 16.2.2020, (286) ZEHN JAHRE KARIESINFILTRATION Erfolgreich bei Karies und auch bei Fluorose Hendrik Meyer-Lückel, Christoph Schmidt, Sebastian Paris, Andreas Schult Die Kariesinfiltration wurde ursprünglich entwickelt, um approximale, nicht kavitierte Läsionen zu arretieren. Eine andere wichtige Indikation ist die Maskierung sogenannter White Spots, die häufig nach kieferorthopädischen Behandlungen auftreten. Inzwischen konnte das Therapiespektrum auf die Maskierung von Fluorose und teilweise von Molaren-Inzisiven-Hypomineralisationen (MIH) erweitert werden. A llen weißlichen Veränderungen gemein ist der er- höhte Mineralverlust und die somit innerhalb des „White Spots“ erhöhten Anteile an Luft oder Wasser (Speichel). Beide Medien induzieren einen geringeren Brechungsindex (1,0 beziehungsweise 1,33) als der umge- bende gut mineralisierte, gesunde Schmelz (1,62). Diesen Unterschied nimmt man als eine weißliche Veränderung wahr [Kidd und Fejerskov, 2004]. Der Infiltrant weist einen ähnlich hohen Brechungsindex (1,52) auf wie der gesunde Schmelz, so dass bei möglichst vollständiger Infiltration eine gute ästhetische Anpassung der Läsion erwartbar ist. Bei älteren kariösen Läsionen sekundär, aber auch bei man- chen MIH-Läsionen sowie bei mittelgradiger bis schwerer Fluorose bereits primär, können gelbliche bis schwärzliche Verfärbungen zusätzlich vorhanden sein. Diese sollten möglichst vor der Infiltration entfernt werden – etwa durch Bleichen. DIAGNOSTIK Die Diagnostik ästhetisch relevanter Veränderungen beruht auf der visuell-taktilen Beurteilung. Wichtiger ist die Ab- grenzung der Ätiologie (Tabelle 1) und des Kavitationsgrades des „White Spots“ anhand klinisch sichtbarer Merkmale . Beide Faktoren beeinflussen das klinische Vorgehen und die erwartbaren ästhetischen Ergebnisse. KLINISCHE ANWENDUNG Die Arbeitsschritte sind grundsätzlich die gleichen wie bei der approximalen Kariesinfiltration, das heißt Ätzen mit 15-prozentigem Salzsäuregel, Trocknung mit Ethanol und anschließende Infiltration mit einem gebrauchsfertigen Mo- nomer. Eine Trockenlegung kann sinnvoll sein, allerdings sollte insbesondere bei zervikal gelegenen „White Spots“ darauf geachtet werden, dass die Infiltration hierdurch nicht behindert wird, gegebenenfalls ist das Legen eines Retraktionsfadens eine gute Alternative. Folgende zusätzliche Maßnahmen können bei der Infiltration im sichtbaren Bereich wichtig sein: \ stärkere Abrasion der Oberflächenschicht bei inaktiven kariösen Läsionen und allen entwicklungsbedingten Veränderungen durch wiederholtes Ätzen \ Wiederbefeuchtungstest zur Vorausschau, ob die Kariesinfiltration zufriedenstellend funktionieren wird \ Politur der infiltrierten Zähne Bei kavitierten Läsionen kann eine Infiltration der un- kavitierten Umgebung und eine anschließende Füllung des kavitierten Bereichs erfolgen. Der Infiltrant scheint eine relativ gute Haftung auf Schmelz zu besitzen, so dass zumin- dest bei sehr kleinen Defekten eine separate Behandlung des Schmelzes nach Infiltration unnötig erscheint [Wiegand et al., 2011]. Ist hingegen Dentin beteiligt, sollte dieser Bereich nach der Infiltration des umgebenden Schmelzes mit einem Dentin- adhäsiv behandelt werden. Da der Infiltrant zuvor ver- sehentlich in die Kavität gelangt sein könnte, empfiehlt sich eine vorherige „Anfrischung“ mit einem Hartmetallbohrer oder einem Diamanten. Abb. 1: Nach Abnahme der kieferorthopädischen Apparaturen imponierten bei diesem Jugendlichen zahlreiche kariöse Läsionen im zervikalen Bereich, aber auch Hypomineralisationen an den oberen mittleren Schneidezähnen (a). Einige Stunden nach Infiltration sieht man den finalen Maskierungseffekt (b), der nach vier Jahren stabil ist (c). Fotos: Andreas Schult a b c 56 | ZAHNMEDIZIN

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