Zahnärztliche Mitteilungen Nr. 10

Behandlungen mit einem erhöhten Bakteriämie-Risiko sind das Anlegen einer Matrize, die Befestigung einer Kofferdamklammer, die Bestimmung der Taschensondierungstiefen, subgingivale Präparationen, intraligamentäre Anästhesien, Scaling oder die Gingivektomie. Während der Wurzelkanalbehandlung eines pulpaavitalen Zahnes kann es ebenfalls zu einer Bakteriämie kommen. Hier liegt die Inzidenz zwischen 31 und 54 Prozent. Die Bakteriämie tritt bereits 30 Sekunden nach Behandlungsbeginn auf, überdauert die Behandlung aber lediglich etwa 15 Minuten [Murray et al., 2000]. Beispiele hier sind die Bestimmung der Arbeitslänge, die Präparation eines Gleitpfades, die Wurzelkanalpräparation, die Behandlung von Perforationen oder endodontisch-chirurgische Maßnahmen. Weitere Maßnahmen wie die Extraktion, die Replantation, die Reposition von Zähnen sowie die Inzision können ebenfalls zu einer transienten Bakteriämie führen [Schäfer, 2019]. Aufgrund der zeitlich begrenzten Bakteriämie während und kurz nach der dentalen Behandlung ist eine einmalige, hochdosierte orale Antibiotikagabe ausreichend [Schäfer, 2019]. Das Antibiotikum der Wahl stellt Amoxicillin dar. Für Erwachsene werden zwei Gramm und bei Kindern 50 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht empfohlen. Bei einer Penicillinallergie kann Clindamycin verabreicht werden, für Erwachsene mit einer Dosierung von 600 Milligramm und für Kinder mit 15 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. Die orale Einnahme des Antibiotikums erfolgt 30 bis 60 Minuten vor dem dentalen Eingriff (Tabelle 3). WELCHE PATIENTEN HABEN EIN ERHÖHTES RISIKOPROFIL? Für einige Patienten stellt eine Bakteriämie ein Risiko dar. Beispiele für fokale Infektionen nach zahnärztlicher Intervention sind Gehirnabszesse (mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 zu 1 Million zahnärztliche Behandlungen) oder eine bakterielle Endokarditis. Das Risiko nach einem zahnärztlichen Eingriff an einer bakteriellen Endokarditis zu erkranken, liegt für gesunde Patienten bei 1 zu 14,2 Millionen zahnärztliche Behandlungen, für Patienten mit einer bereits durchgemachten Endokarditis bei 1 zu 95.000 und bei Patienten mit Herzklappenersatz bei 1 zu 114.000 zahnärztliche Behandlungen [Pallasch et al., 2003] (Weitere Informationen im Beitrag „Endokarditisprophylaxe“ dieser Fortbildung). Indiziert ist eine antibiotische Abschirmung vor endodontischen Therapiemaßnahmen, die mit einem erhöhten Risiko für eine Bakteriämie assoziiert sind, bei [Moergel et al., 2021; Schäfer, 2019]: \ Patienten mit Herzklappenersatz, \ Zustand nach durchgemachter mikrobiell verursachter Endokarditis, \ angeborenem komplexem Herzfehler mit Zyanose, \ chirurgisch korrigiertem Herzfehler innerhalb der ersten sechs Monate postoperativ, \ operativ behandeltem Herzfehler mit Implantation von Condutis oder residualem Defekt (turbulente Blutströmung) im Bereich des prothetischen Materials, \ Patienten mit rekonstruierter Herzklappe unter Verwendung von alloplastischem Material in den ersten sechs Monaten nach der Operation, \ Niereninsuffizienz Grad V (Dialyse-pflichtig), \ organtransplantierten Patienten unter immunsupprimierender Medikation (lebenslang), \ Patienten nach Radiatio-Therapie im Kieferbereich zeitlebens (mindestens 24 Stunden vor der Therapie beginnen und gegebenenfalls drei Tage postoperative Antibiotikagabe, sofern es bei der Wurzelkanalbehandlung zu einer Überinstrumentierung gekommen ist), \ Patienten unter BisphosphonatMedikation mit erhöhtem Risiko (i.v.-Gabe oder BisphosphonatMedikation länger als drei Jahre). ZUSAMMENFASSUNG Bei odontogenen Infektionen können Antibiotika indikationsbezogen eingesetzt werden, wenn eine Ausbreitungstendenz des Abszesses vorliegt. Zur antiresorptiven Therapie und bei Zahntraumata nach einer lateralen Dislokations-Verletzung oder einer Avulsion sind Antibiotika indikationsbezogen systemisch und lokal empfehlenswert. Eine prophylaktische Antibiotikagabe ist bei Patienten mit speziellem Risikoprofil zur Vermeidung einer Bakteriämie indiziert. Die lokale Anwendung von Antibiotika-haltigen medikamentösen Einlagen kann zur Resorptionsprophylaxe nach dentalen Traumata indiziert sein. Desinfizierende Spüllösungen mit Antibiotikazusatz sind einem konventionellen Spülprotokoll unterlegen. Medikamentöse Einlagen mit zwei oder drei verschiedenen Antibiotika bei der regenerativen endodontischen Behandlung sind nicht mehr als das Vorgehen der ersten Wahl anzusehen. Mit dem Wissen um den richtigen Indikationsbereich im zahnärztlichen Alltag kann die Verabreichung von Antibiotika deutlich reduziert werden. Angesichts des Risikos zunehmender Resistenzen gegenüber Antibiotika ist es wichtig zu wissen, wann sie eingesetzt werden können, sollten oder müssen. \ Abb. 10: Vitalexstirpation der Pulpa nach Avulsion Alle Fotos: Magdalena Ibing CME AUF ZM-ONLINE Antibiotika in der Endodontie Für eine erfolgreich gelöste Fortbildung erhalten Sie zwei CME-Punkte der BZÄK/DGZMK. zm112, Nr. 10, 16.5.2022, (965)

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