Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 3

20 | POLITIK INTERVIEW MIT PROF. DR. INA NITSCHKE UND PD DR. PETER SCHMIDT ZUR INKLUSIVEN ZAHNMEDIZIN „Klein anfangen und lernen, ‚den Koffer zu packen‘“ Welche Probleme gibt es aktuell in der Inklusiven Zahnmedizin und wie kann man diese – politisch – lösen? Prof. Dr. Ina Nitschke und PD Dr. Peter Schmidt unterhalten sich über ihre Erfahrungen und geben Praxen Tipps, wie sie in die Senioren- und in die Kinderzahnmedizin einsteigen können, ohne sich zu übernehmen. Wie können pflegende Angehörige von den Zahnarztpraxen unterstützt werden? Prof. Dr. Ina Nitschke: Der Zahnarzt sollte frühzeitig darauf hinweisen, dass die Abstände für die normale Prophylaxe im Alter geringer werden. Die Ansprache sollte zu einem Zeitpunkt erfolgen, an dem die Patienten noch nicht gebrechlich sind, am besten zwischen 60 und 70 Jahren. Wenn sie dann häufiger in die Zahnarztpraxis kommen müssen, haben sie von dieser Veränderung schon einmal gehört und können die Situation einordnen. Der zweite Schritt ist, dass die Angehörigen mit in die Zahnarztpraxis kommen. Wir nennen das Versorgungsdiagnose. Das heißt: Wo wohnt der Patient, mit wem wohnt er zusammen? Hat er ambulante Hilfe? Wer ist in den Therapieentscheidungsprozess mit einzubeziehen? Die hier genannte Person versuchen wir schon frühzeitig einzubinden – etwa indem sie zu einer Prophylaxe-Sitzung mitgeht und geschult wird. So kann sie beispielsweise verstehen, dass die Duraphat FluoridZahnpasta zwar einen höheren Preis hat, dafür aber sehr gut einzusetzen ist bei älteren Menschen mit einem erhöhten Kariesrisiko. Die Angehörigen wachsen in den Bereich Seniorenzahnmedizin sukzessive hinein, bevor es zu einer anstrengenden Pflegesituation kommt. PD Dr. Peter Schmidt: Wir haben im Kindes- und Jugendalter den Vorteil, dass die Individualprophylaxe von den gesetzlichen Krankenkassen finanziert wird. An dieser Stelle können wir frühzeitig präventiv viel machen und dazu motivieren, regelmäßig in die zahnärztliche Praxis zu kommen. Denn in eigenen Befragungsstudien gaben nur gut 38 Prozent der befragten Angehörigen an, dass der erste Zahnarztbesuch vor dem dritten Lebensjahr stattfand. Das ist viel zu spät. Hinzu kommt: Einige Kinder mit Behinderungen oder Grunderkrankungen erhalten bei Untergewicht oft hochkalorische Kost – gern auch mal über die Nuckelflasche. Dann stellen sich diese Kinder mit dreieinhalb, vier Jahren bei uns vor und die orale Situation zeigt ein behandlungsbedürftiges Milchgebiss. Hier sehe ich auch systemische Schwachstellen. Ich plädiere dafür, die Zahnmedizin in den medizinischen Netzwerken als integralen Bestandteil mitzudenken. Erfreulicherweise hat der Gemeinsame Bundesausschuss im Mai 2025 beschlossen, dass ab Januar 2026 die Ergebnisse der frühkindlichen zahnärztlichen Kontrolluntersuchungen mit im gelben U-Heft integriert und somit dort dokumentiert sind. Das ist ein zusätzlicher Meilenstein hin zu einer noch besseren Sichtbarkeit und ein großer Erfolg. Nitschke: Bei euch gibt es im Hinblick auf Menschen mit Behinderungen keine Vorbereitungszeit? Schmidt: Genau. Und die Vorbereitungszeit ist auch insofern nicht da, weil es in unserem Bereich oft noch ganz andere medizinische Themen gibt. Ich verstehe beispielsweise sehr gut, dass Eltern erst einmal darauf achten müssen, dass ihr Kind ein gutes Körpergewicht hat und aus allgemeinmedizm116 Nr. 03, 01.02.2026, (114) Prof. Dr. Ina Nitschke, MPH, Oberärztin, ist Leiterin des Bereichs Seniorenzahnmedizin der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde am Department für Kopf- und Zahnmedizin der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig und der Medizinischen Hochschule Brandenburg. Sie ist Trägerin des Bundesverdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Foto: privat DIE „INITIATIVE FÜR EINE MUNDGESUNDE ZUKUNFT IN DEUTSCHLAND“ ... von der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) und CP GABA fördert praxisrelevante Präventionskonzepte und verfolgt einen interdisziplinären Ansatz. 2024/2025 stand das Thema „Mundgesundheit in der häuslichen Pflege“ im Fokus. Damit verbunden ist der PraxisAWARD Prävention, der 2024 verliehen wurde. Prof. Dr. Ina Nitschke und PD Dr. Peter Schmidt waren Mitglieder der Jury.

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