ZAHNMEDIZIN | 77 Gründen massenhaft überkront würden. Solche Bilder vermittelten vor allem jungen Menschen ein verzerrtes Verständnis moderner Zahnmedizin. Wenn Übertherapie, Heilsversprechen und pseudowissenschaftliche Narrative als normal erscheinen, verliere das Fach seinen medizinischen und ethischen Kompass. Gerade eine oralmedizinisch verstandene Zahnmedizin, die sich als Teil der Gesamtmedizin begreife, müsse hier klar, wissenschaftlich und professionell gegenhalten. Frankenberger plädierte zudem dafür, die Zahnmedizin als gemeinsames Fach zu begreifen. Entscheidend sei, dass der Berufsstand in Fragen von Ausbildung, Finanzierung, politischer Durchsetzung, Forschung und Versorgung mit einer Stimme spreche. Nötig sei ein gemeinsames professionelles Selbstverständnis. Prof. Dr. Margarete Halek, Universität Witten/Herdecke, Leitung und Inhaberin des Departments für Pflegewissenschaft, zeigte in ihrem Vortrag zu neurodegenerativen Erkrankungen, was Demenz für die zahnärztliche Behandlung bedeutet und warum eine angepasste Kommunikation so wichtig ist. Demenz sei ein Syndrom infolge einer meist chronischen und fortschreitenden Erkrankung des Gehirns, erklärte Halek. Betroffen seien zahlreiche höhere kortikale Funktionen wie Sprache, Denken, Auffassung, Urteilsvermögen und Orientierung. Gerade das damit verbundene eingeschränkte Urteilsvermögen sei auch für die Zahnmedizin relevant, etwa bei Aufklärung und Entscheidungsfindung. In Deutschland lebten derzeit rund 1,8 Millionen Menschen mit Demenz. Rund 90 Prozent entfielen auf primäre, etwa zehn Prozent auf sekundäre Demenzformen (ausgelöst etwa durch Tumorerkrankungen, Depressionen, Medikamenteneinwirkungen oder Suchterkrankungen). Etwa zwei Drittel der Betroffenen seien Frauen. In der Zahnarztpraxis seien demente Personen eine besondere Patientengruppe: Termine würden vergessen, Zusammenhänge nicht immer verstanden, Anweisungen nicht befolgt und Beschwerden oft nicht adäquat kommuniziert. Auch Mundpflege oder Behandlung würden teils verweigert. Insgesamt sei die Mundgesundheit bei Menschen mit Demenz oft schlechter als in vergleichbaren Altersgruppen ohne Demenz. Abwehrverhalten ist oft eine Angstreaktion Zentraler Punkt sei das sogenannte Abwehrverhalten. Nicht angepasste Kommunikation, Zeitdruck, widersprüchliche Signale oder eine überfordernde Umgebung könnten wesentlich dazu beitragen, dass Menschen mit Demenz abwehrend reagierten, betonte Halek. Dieses Verhalten sei häufig als Angstreaktion auf eine wahrgenommene Bedrohung zu verstehen. Das Problem liege daher oft auch in der Situation, die von den Behandelnden geschaffenwerde. Halek stellte deshalb die Kommunikation in den Mittelpunkt. Kommunikation setze Aufmerksamkeit, Verstehen, Behalten und angemessene Reaktion voraus – und genau an all diesen Stellen könnten bei Menschen mit Demenz Einschränkungen auftreten. Sensible Kommunikation könne den Zugang verbessern, auch wenn es dazu bislang nur begrenzt Forschung gebe. Wichtig seien Vorbereitung, Beziehung, Wertschätzung und Empathie. Zudem solle immer mit der Person selbst gesprochen werden und nicht über sie hinweg. Gefühle sollten ernst genommen, Konfrontationen möglichst vermieden werden. Zur Veranschaulichung ließ Halek das Publikum auf Fantasiebegriffe reagieren. So werde erfahrbar, wie sich Verständigungsprobleme bei Demenz anfühlen könnten: Ein Begriff komme zwar an, werde aber nicht mehr mit einer Bedeutung verknüpft. Für die Praxis leitete sie daraus konkrete Strategien ab, darunter: Augenkontakt, ruhige Sprache, eine reizärmere Umgebung, Vormachen, Abwarten und positive Verstärkung. Auch die vorausschauende Planung sei wichtig. Wird eine Demenz früh erkannt, sollte frühzeitig überlegt werden, wie die zahnärztliche Versorgung in den kommenden Jahren aussehen soll. Da heute immer mehr Zähne bis ins hohe Alter erhalten bleiben, gehe es nicht mehr nur um einzelne Eingriffe, sondern um langfristige Strategien. Kurz ging Halek auch auf das Konzept der „dementia-friendly dentistry“ ein: Praxiskonzepte mit geschultem Personal, guter Vorbereitung, klarer Ansprache, reizärmerer Umgebung und starkem Präventionsgedanken. Gerade im angloamerikanischen Raum gibt es dazu ihrer Meinung nach bereits weitergehende Ansätze. nl Der 72. Zahnärztetag der ZÄK Westfalen-Lippe findet vom 10. bis 13. März 2027 in Gütersloh statt. zm116 Nr. 08, 16.04.2026, (647) Prof. Dr. Roland Frankenberger sprach über die „orale Medizin in der öffentlichen Wahrnehmung“ und warb für eine Zahnmedizin, die sich als Teil der Gesamtmedizin versteht. Foto: Katharina Pötter Prof. Dr. Margarete Halek zeigte, welche Herausforderungen Menschen mit Demenz für die zahnärztliche Versorgung mit sich bringen – und warum Kommunikation dabei eine Schlüsselrolle spielt. Foto: Katharina Pötter
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