Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 9

PRAXIS | 19 80.000 Syrerinnen und Syrer in Engpassberufen. Das bestätigt auch die BA-Statistik: Am stärksten präsent sind sie demzufolge in der Kfz-Branche (4.200/ 3,2 Prozent), als Bus- oder Straßenbahnfahrer (3.600/ 2,8 Prozent), in Pflegeberufen, (3.200/ 2,4 Prozent), als Berufskraftfahrerinnen/-fahrer (3.100/ 2,4 Prozent) sowie als Zahnmedizinische Fachangestellte (2.600/ 2,0 Prozent). Außerdem sind sie stark, im Gastgewerbe vertreten. Wie das IW weiter ausführt, sind etwa die Hälfte der syrischen Beschäftigten Fachkräfte, gut zehn Prozent sogar auf Spezialisten- oder Expertenniveau tätig. Außerdem gibt es dem IW zufolge etwa 21.000 Syrerinnen und Syrer, die hier studieren, und knapp 7.000, die eine Berufsausbildung absolvieren – „darunter ebenfalls viele in Engpassberufen wie Zahnmedizin, zm116 Nr. 09, 01.05.2026, (685) „IM MOMENT NOCH ZU FRÜH“ „Der Beginn des Wiederaufbaus in meinem Heimatland gibt mir nach Jahren von Krieg und Zerstörung neue Hoffnung. Als Zahnärztin bin ich nach Deutschland gekommen, unter anderem wegen der geschwächten Gesundheitsinfrastruktur in Syrien und um mich fachlich weiterzuentwickeln. Da ich mich noch im Anerkennungsverfahren befinde und sich Syrien erst am Anfang des Wiederaufbaus befindet, wäre eine Rückkehr aktuell für meinen beruflichen Weg schwierig. Zudem könnte ich meine Kenntnisse dort derzeit kaum einsetzen und habe hier noch nicht ausreichend Erfahrung gesammelt. Auch würde ein solcher Schritt ohne Alternativen Lücken in der Versorgung hier hinterlassen. Langfristig ist eine Rückkehr sicher wichtig, im Moment jedoch noch zu früh.“ Sawsan Tarraf, angestellte Zahnärztin in Bremen „DEUTSCHLAND IST MEINE HEIMAT“ „Ich kam im Alter von 16 Jahren nach Deutschland – in einer prägenden Phase meiner persönlichen Entwicklung. Heute ist Deutschland meine Heimat. Hier habe ich nicht nur die Sprache gelernt, sondern meine gesamte Sozialisierung erfahren. Würde ich heute in mein Geburtsland zurückkehren, würde ich mich dort fremd fühlen. Mein Lebensmittelpunkt, mein Freundeskreis und meine Werte sind hier tief verwurzelt. Ich habe mir hier aus eigener Kraft eine Existenz aufgebaut. Ich habe meine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen, mich kontinuierlich weitergebildet und stehe bereits fest im Berufsleben. Mein nächster großer Schritt ist das bevorstehende Studium. All diese Perspektiven und Erfolge sind untrennbar mit dem deutschen Bildungs- und Arbeitssystem verknüpft. Dies ist bei uns Familientradition: Ich stamme aus einer sehr erfolgreichen und bildungsorientierten Familie. Sowohl mein Vater als auch meine Geschwister entwickeln sich hier jeden Tag weiter, sind beruflich erfolgreich und leisten ihren Beitrag zur Gesellschaft. Ich betrachte meine Integration daher nicht als einen vorübergehenden Zustand, sondern als einen bewussten und abgeschlossenen Prozess. Ich bin ein fester Teil dieser Gesellschaft, leiste meinen Beitrag im medizinischen Bereich und plane meine gesamte private sowie berufliche Zukunft hier. Eine Rückkehr nach Syrien ist für mich daher dauerhaft ausgeschlossen – weder jetzt noch in der Zukunft. Angesichts der aktuellen politischen Debatten über Rückführungen möchte ich betonen: Anstatt über die Rückkehr von Menschen zu diskutieren, die sich hier eine Existenz aufgebaut haben, sollte der Fokus auf der Anerkennung derjenigen liegen, die bereits hier sind, die Sprache beherrschen und das Land aktiv mitgestalten. Deutschland ist meine Heimat – nicht nur auf dem Papier, sondern durch meine tägliche Arbeit, meine Familie und mein gesamtes Leben.“ Foto: privat „ICH UNTERSTÜTZE DAS MODELL DER ZIRKULÄREN MIGRATION“ „Die von Bundeskanzler Merz geäußerte Einschätzung lässt die aktuelle Realität vor Ort außer Acht. Auch nach dem Regimewechsel wiegen die Folgen des 14-jährigen Krieges weiterhin schwer: Eine desolate Infrastruktur, eine prekäre medizinische Versorgung und ein erheblicher Mangel an Bildungskapazitäten prägen die Situation. Unter diesen Bedingungen ist eine Rückkehrquote von 80 Prozent – oder auch nur signifikanter Teile davon – faktisch nicht realisierbar. Im Gegensatz dazu bietet der Ansatz von Herrn al-Scharaa eine konstruktive Perspektive: Ein Modell der zirkulären Migration würde es syrischen Fachkräften ermöglichen, den Wiederaufbau aktiv mitzugestalten, ohne die in Deutschland gewonnene Stabilität und Sicherheit aufgeben zu müssen. Aus meiner Sicht als Zahnarzt wäre eine Rückkehr derzeit mit erheblichen Hürden verbunden. Der Mangel an Wohnraum und beruflichen Strukturen würde unweigerlich zu einem Verdrängungswettbewerb um die wenigen verfügbaren Ressourcen führen – ein Problem, das weit über den medizinischen Sektor hinausgeht.“ Foto: privat Abdulrahman Abo Baker, angestellter Zahnarzt in Ulmen Marwa Alissa, ZFA und Prophylaxehelferin in der Praxis CrownDent in Kaiserslautern

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