Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 9

POLITIK | 51 griff auf Kapazitäten des deutschen Gesundheitssystems hier nicht möglich ist und darüber hinaus gegebenenfalls alliierte Kameradinnen und Kameraden mitversorgt werden müssen. Der Fachbereich Zahnmedizin der Bundeswehr ist seit vielen Jahrzehnten auch im Ausland im Einsatz. Insgesamt werden derzeit jedes Jahr bis zu 30 SanOffz Zahnärzte bei Missionen, Einsätzen und Übungen im Ausland eingesetzt. So unterstützt der Fachbereich unter anderem die Marine bei der Erfüllung ihres Auftrags auch fernab heimischer Gewässer. Im Einsatz und bei internationalen Übungen sind Zahnärzte für eine begrenzte Zeit an Bord größerer Schiffedabei. Hinzu kommen dauerhaft im Ausland stationierte Kräfte, beispielsweise im NATO-Hauptquartier nahe der belgischen Stadt Mons, im französischen Illkirch (Deutsch-Französische Brigade) und in Litauen (Brigade Litauen). Bis 2027 sollen rund 5.000 Soldaten und zivile Mitarbeiter sowie deren Familien in Litauen stationiert werden. Für die jetzt schon in Litauen stationierten deutschen Soldaten wurde bereits eine „einstühlige“ Zahnarztgruppe in Betrieb genommen. Im Zielbetrieb wird es an zwei Standorten jeweils „mehrstühlige“ Einrichtungen mit truppenzahnärztlichen und oralchirurgischen Ambulanzen geben. Welche Szenarien werden trainiert? Seit Beginn des Krieges in der Ukraine steht die Bündnisverteidigung im Vordergrund. Um dafür richtig ausgerüstet zu sein, benötigt der Fachbereich Zahnmedizin weitere mobile und schnell verlegbare zahnärztliche Behandlungsgeräte und -einheiten. Die Bundeswehr hat in den vergangenen Jahren viel Erfahrung in der Bekämpfung asymmetrischer Bedrohungen gesammelt. Die zahnärztliche Versorgung der Truppe erfolgte dabei in der Regel in festen oder containergestützten Behandlungseinheiten in Feldlagern. Diese Erfahrungen sind jedoch nur bedingt auf die Bündnisverteidigung auf europäischem Boden übertragbar. Nach dem Ende des Kalten Krieges wurden vorhandene Strukturen, Fähigkeiten und Ausrüstung mit Blick auf die damals veränderte sicherheitspolitische Lage in Teilen, nicht zuletzt im Umfang, deutlich reduziert oder teilweise gänzlich abgeschafft.Nungilt es, die entstandene Fähigkeitslücke auf dem Stand der aktuellen fachlichen Vorgaben und angepasst an die neuerlichen Bedingungen einer hochtechnisierten, symmetrischen Bedrohungslage zu schließen. Arbeiten Zahnärzte bei der Bundeswehr mit zivilen Zahnärzten zusammen? Ja. Bei Fortbildungsveranstaltungen treffen sich regelmäßig auch militärische und zivile Vertreter der Zahnmedizin zum fachlichen Austausch. Viele niedergelassene Kollegen sind zudem Sanitätsoffiziere der Reserve und verstärken die Bundeswehr bei „Wehrübungen“ vor Ort. Auch bei der Behandlung von Soldatinnen und Soldaten unterstützt die zivile Kollegenschaft. So sind zahnärztliche Behandlungseinrichtungen der Bundeswehr zum Beispiel auf die enge Zusammenarbeit unter anderem mit zivilen Kieferorthopäden angewiesen, da die Bundeswehr derzeit über keine eigenen Fähigkeiten auf diesem Gebiet verfügt. Außerdem werden Soldaten bei vorübergehend eingeschränkten Kapazitäten im eigenen Bereich an zivile Kollegen überwiesen. Wie können niedergelassene Zahnärzte die Bundeswehr im Fall einer Krise unterstützen? Im Bündnisfall wäre das Bundesgebiet mit hoher Wahrscheinlichkeit Aufmarschgebiet alliierter Truppen und würde als „Drehscheibe“ fungieren. Auf die Bundesrepublik kämen dann möglicherweise zusätzliche Aufgaben zu. Alliierte Streitkräfte müssten sich dabei gegebenenfalls vorübergehend auf das zivile Gesundheitssystem in Deutschland abstützen. Dies wird jedoch von der Kapazität her kein wirkliches Problem darstellen. Erwartet werden im Bündnisfall aber auch große, weitgehend ungerichtete Flüchtlingsströme. Bei ihrer Versorgung würden die niedergelassenen Zahnärztinnen und Zahnärzte vermutlich erheblich gefordert werden. Der Verteidigungsfall würde alle Bereiche sogenannter „Kritischer Infrastruktur“ in Deutschland und damit auch das Gesundheitssystem betreffen. Eine solche Situation wird hoffentlich nie eintreten. Dennoch ist es zur Vorbereitung in jedem Falle sinnvoll, die Resilienz von medizinischen Einrichtungen zu stärken – auch die von Zahnarztpraxen. Die Bundeszahnärztekammer beabsichtigt zeitnah zusammen mit der Bundeswehr einen Leitfaden zur Krisenresilienz zu erarbeiten. Dieser soll Zahnärzten Empfehlungen geben, wie sich Praxen auf mögliche Krisen vorbereiten können. Den gesetzlichen Rahmen hierzu muss das Gesundheitssicherstellungsgesetz schaffen, das derzeit erarbeitet wird. Das Bundesgesundheitsministerium will dazu im Sommer einen Entwurf vorlegen. Das Gespräch führte Anne Orth. zm116 Nr. 09, 01.05.2026, (717) „Es ist entscheidend, dass die Bundeswehr über genügend eigene Zahnärzte verfügt, um die Streitkräfte vollumfänglich zahnmedizinisch versorgen zu können.“ Oberstarzt Dr. Jürgen Rentschler Foto: zm/sr

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