Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 9

68 | ZAHNMEDIZIN tische Raumforderung im Halsbereich dar [Amos et al., 2025]. Beide Begriffe werden in der Literatur synonym verwendet und beschreiben dieselbe Entität. Sie entstehen durch persistierende epitheliale Residuen des embryonalen Ductus thyreoglossus, über den die Schilddrüsenanlage während der Embryogenese vom Foramen caecum am Zungengrund entlang der Mittellinie des Halses in ihre endgültige prätracheale Position migriert. Normalerweise obliteriert der Ductus thyreoglossus während der Entwicklung, wobei lediglich eine kleine Vertiefung am Foramen caecum linguae zurückbleibt [Todd, 1993]. Persistierende epitheliale Reste dieses Ganges können jedoch zur Bildung von Zysten führen, die sich entlang des embryologischen Deszensus der Schilddrüse manifestieren können. Die Mehrheit der Thyreoglossuszysten findet sich im Bereich des Zungenbeins oder unmittelbar darunter und präsentiert sich typischerweise als schmerzlose, median gelegene Schwellung im ventralen Halsbereich. Charakteristisch ist dabei eine Bewegung der Raumforderung beim Schlucken oder bei Zungenprotrusion [Grantzow, 2013]. Eine seltene Variante stellt die intralinguale Lokalisation dar, bei der sich die Zyste im Bereich des Zungengrundes befindet. Diese Form macht nur einen Anteil von 0,5 bis zwei Prozent aller Thyreoglossuszysten aus und kann aufgrund ihrer anatomischen Lage ein abweichendes klinisches Erscheinungsbild zeigen [Karmakar et al., 2013; Foley und Fallat, 2006]. Während zervikale mediane Halszysten meist als schmerzlose Halsraumforderung imponieren, können intralinguale Zysten Symptome des oberen Aerodigestivtraktes verursachen. Dazu gehören insbesondere Dysphagie, Artikulationsstörungen oder respiratorische Beschwerden. Insbesondere bei Säuglingen kann bereits eine kleine Raumforderung aufgrund des begrenzten Atemwegsdurchmessers zu einer relevanten Obstruktion führen [Kuint et al., 1997]. In einer systematischen Analyse von Pereira et al. wurden insgesamt 53 Fälle intralingualer Thyreoglossuszysten ausgewertet. Dabei zeigte sich, dass respiratorische Beschwerden mit etwa 70 Prozent die häufigste Symptomatik darstellen, gefolgt von Dysphagie bei etwa 23 Prozent der Patienten. In rund neun Prozent der Fälle wurde eine sichtbare Raumforderung im Oropharynx beschrieben, während etwa 15 Prozent der Zysten zufällig entdeckt wurden [Pereira et al., 2023]. Der hier vorgestellte Fall stellt insofern eine Besonderheit dar, als intralinguale Thyreoglossuszysten häufig bereits im Säuglings- oder Kleinkindalter symptomatisch werden. Das Auftreten bei älteren Kindern oder Jugendlichen ist jedoch ebenfalls beschrieben und kann auf ein langsames Wachstum oder eine zm116 Nr. 09, 01.05.2026, (734) Abb. 5: Sonographische Verlaufskontrolle vier Monate postoperativ. Darstellung eines regelrechten Befundes ohne Hinweis auf ein Rezidiv der intralingual lokalisierten medianen Halszyste. Abb. 4: Im klinischen Befund zeigt sich vier Wochen postoperativ ein vollständig epithelialisierter Zungenrücken bei reizloser Wundheilung. Zudem zeigt sich eine kleinflächige sternförmige Einziehung des Zungenrückens als Ausdruck der postoperativen Narbenbildung, jedoch ohne funktionelle Einschränkung. CME AUF ZM-ONLINE Atypische Lokalisation einer Thyreoglossuszyste bei einem Neunjährigen Für eine erfolgreich gelöste Fortbildung erhalten Sie zwei CME-Punkte der BZÄK/DGZMK. Fotos: Universitätsmedizin Mainz

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