Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 10

POLITIK | 41 sondern junge Menschen ebenso über Messenger-Dienste wie WhatsApp und Telegram sowie Gaming-Portale und Websites angreifbar sind. Damit sei vom Tisch, dass der Fokus auf ein Verbot sozialer Medien das Problem lösen würde. Positiv ist aus Sicht von Netzpolitik-Autor Sebastian Meineck auch, dass die Kommission die Auswirkungen digitaler Technologien weder einheitlich negativ noch einheitlich positiv bewertet, sondern ausführt, dass deren Wirkung auf Kinder und Jugendliche von deren Persönlichkeit, ihrer Lebenssituation und der Art der Nutzung abhängt. Heftige Kritik übt Meineck jedoch daran, dass der Bericht strenge Alterskontrollen ins Spiel bringt: „Die größte Gefahr von Alterskontrollen liegt darin, dass sie eine umfassende Kontroll-Infrastruktur im Netz schaffen.“ 400 internationale Fachleute sind dagegen Gegen digitale Alterskontrollmechanismen haben sich im März 2026 auch 400 internationale Fachleute aus den Bereichen Technologie, IT-Sicherheit und Privatsphäre positioniert. In einem offenen Brief fordern sie von Regierungen und Parlamenten ein „Moratorium für die Einführungspläne“. Die Begründung: Es liege nicht genug Evidenz vor, die die Vorteile von Technologien zur Altersüberprüfung belegt. Darüber hinaus ließen sich Alterskontrollen im digitalen Bereich leicht austricksen, wie Beispiele zeigten, in denen Identitäten mithilfe von VPNs, gekauften oder geliehenen Zugangsdaten sowie KIgenerierten Profilen umgangen würden. Bevor weitreichende Kontrollmechanismen in Kraft gesetzt werden, müsse wissenschaftlich geklärt werden, welche potenziellen Schäden für den Datenschutz und die Privatsphäre entstehen können. Der Einsatz solcher Methoden sei nur gerechtfertigt, wenn die Vorteile die Nachteile nachweisbar und bei Weitem überwiegen. In der Zwischenzeit sollten Regierungen bei den Ursachen ansetzen: „Viele der Schäden, denen Altersüberprüfungen eigentlich entgegenwirken sollen, werden durch die algorithmischen Praktiken sozialer Netzwerke verursacht; daher wäre eine Regulierung dieser Praktiken wirksamer als umgehbare Zugangskontrollen.“ Die Umgestaltung der Kindheit? Der Psychologe Jonathan Haidt aus den USA setzt sich für ein Verbot von Social Media für Kinder und Jugendliche ein. Er vertritt die Meinung, dass Smartphones und das Aufkommen von Social Media den Übergang von einer auf Spiel zu einer auf Technologie basierenden Kindheit befeuert haben. In seinem Buch „The Anxious Generation“ (2024) schreibt er: „Diese tiefgreifende Umgestaltung der Kindheit ist meiner Meinung nach der wichtigste Grund für die Flutwelle psychischer Erkrankungen bei Jugendlichen, die Anfang der 2010er-Jahre einsetzte.“ Also zu dem Zeitpunkt, als Social Media massenwirksam wurde. Kritikerinnen und Kritiker sehen in Haidts These eine Vereinfachung komplexer Zusammenhänge. In ihrer Rezension von Haidts Buch im Wissenschaftsmagazin „Nature“ merkt die Psychologieprofessorin Candice Odgers an, dass Haidt anekdotisch vorgehe, sein Kernargument aber nicht wissenschaftlich belege. Er mache den grundlegenden Fehler, Korrelation mit Kausalität zu verwechseln. Andere Forschende setzen Haidt entgegen, dass Ängste bei Jugendlichen auch durch andere Themen wie die Klimakrise oder internationale Konflikte und Kriege verstärkt werden könnten. Sackgasse beim Recruiting Auch dieser Umstand ist im Zusammenhang mit einem Social-Media-Verbot für Jugendliche zu bedenken: Viele Unternehmen werben in den sozialen Medien für ihre Branchen – auch Zahnarztpraxern. Jugendliche auszuschließen, würde die Wirksamkeit dieser RecruitingMaßnahmen einschränken oder ganz zunichtemachen. Auch viele Organisationen aus der Demokratiebildung und dem Gesundheitswesen sind mit wissenschaftlich fundierten Informationen auf den Social-Media-Plattformen präsent, um Fehlinformationen möglichst früh entgegenzuwirken. sth zm116 Nr. 10, 16.05.2026, (803) Das sagen junge Menschen in Deutschland über ihr Social-Media-Verhalten Ich stimme voll und ganz zu eher zu eher nicht zu überhaupt nicht zu Grundgesamtheit deutschsprachige Bevölkerung zwischen 14 und 20 Jahren in Deutschland, Werte in Prozent. Social Media ermöglichen mir den Austausch mit Freund:innen 46 38 12 3 Social Media bieten mir Unterhaltung 53 42 5 Inhalte auf Social Media inspirieren mich. 23 58 16 3 Ich kann auf Social Media kreativ sein. 18 48 26 8 Ich habe das Gefühl, zu viel Zeit auf Social Media zu verbringen und andere Aufgaben zu vernachlässigen 23 38 31 8 Ich habe auf Social Media schon Ausgrenzung und Abwertung erlebt. 18 28 31 23 Ergebnisse der repräsentativen Studie „Zwischen Bildschirmzeit und Selbstregulation – soziale Medien im Alltag von Jugendlichen“ von infratest dimap im Auftrag der Vodafone. 166 Minuten pro Tag beträgt die durchschnittliche Bildschirmzeit bei 12- bis 13-Jährigen laut JIM-Studie 2025, für die 1.200 Jugendliche im Alter von 12 bis 19 Jahren befragt wurden

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