42 | GESELLSCHAFT SOCIAL-MEDIA-HYPES IM CHECK Von Hammer-Tipps bis Zahnstocher-Kauen Lifestyle- und Beauty-Posts sind in den Sozialen Medien sehr beliebt, haben bekanntlich jedoch oft ungewollte und mitunter ernste gesundheitliche Folgen. Falls Ihnen bei einer zahnmedizinischen Behandlung in Ihrer Praxis seltsame Symptome auffallen, könnte das mit diesen Social-Media-Trends zusammenhängen. Bonesmashing für markante Gesichtszüge Beim Bonesmashing bearbeitet man Kinn, Stirnbein sowie Kiefer- und WangenknochenmehrmalsamTagmit schweren Gegenständen, wie einem Hammer, oder man nimmt die eigenen Fäuste. Die Theorie dahinter: Die Knochen werden geringfügig beschädigt, so dass ein Heilungsprozess einsetzt, in dessen Verlauf die Gesichtszüge mit der Zeit markanter ausfallen. Anhänger der Methode berufen sich auf das Wolffsche Gesetz, das der Berliner Mediziner Julius Wolff Ende des 19. Jahrhunderts aufgestellt hat. Es besagt, dass sich Knochen unter Belastung festigen und die Knochendichte zunimmt. Der Schönheitschirurg Dr. Paul Hubmann, selbst Content-Creator, erklärt in einem Video, dass Bonesmashing tatsächlich zum Aufbau von Knochenmasse führen kann. Allerdings würden dadurch nicht nur Schäden am Knochen entstehen, sondern auch am umgebenden Weichgewebe, weswegen er dringend davon abrät. Dennoch: Das Thema zieht unter Hashtags wie #b0nesmashing oder #cheekbone auf TikTok und Instagram besonders junge Männer an. Bonesmashing kommt aus der Looksmaxxing-Szene, die vor rund 15 Jahren in frauenfeindlichen Internetforen entstand, inzwischen aber ein massentauglicher, lukrativer Markt geworden ist. Looksmaxxer setzen auf zum Teil extreme ästhetische Selbstoptimierung, weil das Aussehen aus ihrer Sicht der alles entscheidende Faktor ist, um Erfolg zu haben – beruflich, finanziell und bei Frauen. Zum Looksmaxxing gehören „sanfte“ Methoden (Softmaxxing) wie umfassende Skincare-Routinen, Haarpflege, Styling, aber auch Zahn-Bleaching und Supplements für die Ernährung. Dem gegenüber steht das „Hardmaxxing“ mit selbstverletzenden Methoden, zu denen neben Bonesmashing und Selbstmedikation auch beinverlängernde Operationen oder die Einnahme von Steroiden und Drogen, etwa zur Gewichtskontrolle, zählen. Voll im Trend: Zahnstocher Erdbeere, Cola, Mango, Minze: Seit einiger Zeit liegen aromatisierte Zahnstocher im Trend. Auf TikTok findet sich unter Hashtags wie #toothpick, #energytoothpick, #zahnstochermitgeschmack massenhaft Content, der das Kauen von Zahnstochern abfeiert oder entsprechende Produkte bewirbt. Unter anderem, so die Versprechen, könne Zahnstocherkauen das Einschlafen erleichtern oder dabei helfen, sich besser zu konzentrieren oder gar mit dem Rauchen aufzuhören. Es gibt auch mit Nikotin angereicherte Zahnstocher. Sie sind bisher noch nicht in deutschen Läden erhältlich, man kann sie aber online bestellen. In einem Zahnstocher stecken bis zu sechs Milligramm Nikotin, was der dreifachen Menge einer Zigarette entspricht. Sie können Reizungen der Mundschleimhaut hervorrufen, auch Verletzungen des Zahnfleischs sind möglich. Ästhetisches Profil dank Zungengymnastik Beim Mewing, so versprechen Clips unter dem Hashtag #mewing, entsteht durch eine veränderte Position der Zunge im Mund eine markante Kinnlinie. Bei dieser „Technik“ wird die Zunge dauerhaft an den Gaumen gedrückt und die Zähne werden leicht aufeinander gepresst, um Spannung auf die Kiefermuskeln zu bringen. Mewing ist benannt nach dem umstrittenen britischen Kieferorthopäden John Mew, der eine bestimmte Zungenhaltung zur Verbesserung der Gesichtsästhetik propagierte. Es gibt keine wissenschaftlichen Studien, die diese Wirkung belegen. Kritikerinnen und Kritiker sehen beim Mewing verschiedene Risiken: Der dauerhafte Druck kann Zähne lockern, den Biss verzerren und zu Zahnabnutzung führen. Auch Sprachstörungen sind eine mögliche Konsequenz, wenn die veränderte Zungenposition Sprachmuster und -verständlichkeit beeinträchtigt. zm116 Nr. 10, 16.05.2026, (804)
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