48 | ZAHNMEDIZIN FORTBILDUNG ZUR S2K-LEITLINIE „ZAHNMEDIZINISCHE BETREUUNG GERIATRISCHER PATIENTEN“ – TEIL 1 Diagnostik bei alten Patienten Julia Jockusch, Elmar Ludwig, Ina Nitschke, Cornelia Frese Bei der zahnmedizinischen Betreuung geriatrischer Patienten ist es häufig notwendig, gleichzeitig medizinische und zahnmedizinische Risiken zu beachten. Prinzipiell sind zahnärztliche Diagnostikmethoden genauso anzuwenden wie bei gesunden Erwachsenen – in der Praxis können sich jedoch vielfältige Herausforderungen ergeben. Geriatrie, ebenso bekannt als Altersmedizin, ist die Lehre vom alternden Menschen und seinen Krankheiten. Geriatrische Patienten sind charakterisiert durch Einschränkungen der körperlichen und/oder geistigen Funktionalität bei Multimorbidität sowie durch ein erhöhtes Risiko fü r die Entwicklung von Gesundheitsstörungen und einen oft ungü nstigeren, komplizierteren Verlauf. Mit den geriatrischen „I's“ werden die Problemfelder in der Geriatrie zusammengefasst [Schulz, 2024; Freund, 2013; Freund, 2010], wobei intellektuellerAbbau, Immobilität, Instabilität und Inkontinenz noch heute als die vier Giganten der Altersmedizin bezeichnet werden. Verschiedene Allgemeinerkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Niereninsuffizienz, Erkrankungen der Leber, Osteoporose, Tumore sowie die damit verbundene Anzahl und Kombination verschiedener Präparate im Hinblick auf die Medikation und Therapieverfahren (OP, Radiatio, Chemotherapie) haben nicht selten einen unmittelbaren Einfluss auf die zahnärztliche Behandlung sowie mögliche Komplikationen und bedü rfen einer hohen spezifischen Kompetenz des Zahnarztes [Marchini und Ettinger, 2023]. Altersphysiologische Veränderungen gehen mit multiplen veränderten, meist eingeschränkten Organreserven einher. Diese Einschränkung der Organfunktion kann ihrerseits bereits einen Krankheitswert haben (wie eine eingeschränkte Nierenfunktion) oder aber die Entwicklung krankhafter Folgestörungen begü nstigen wie beispielsweise die Fraktur nach Sturz infolge Muskelkraftabnahme (Sarkopenie). Die zeitliche Koinzidenz dieser sich oft gegenseitig beeinflussenden organischen und funktionellen Veränderungen bedingt die Geriatrie-typische Multimorbidität, deren Ausprägung jedoch individuell großen Schwankungen unterliegt. Zum Erhalt oder zur Wiederherstellung sowohl akut als auch chronisch eingeschränkter Organfunktionen kommen oft Medikamente zum Einsatz, die ihrerseits ebenfalls infolge Metabolisierung und Medikamenteninteraktionen einen negativen Effekt auf die Organfunktion haben können und die Verabreichung zusätzlicher Medikamente erforderlich machen können (zum Beispiel: Schmerz nach Sturz – Opiatgabe zur Analgesie – Obstipation – Laxansgabe). Die dadurch begü nstigte Entwicklung einer Polymedikation ist daher kausal eng verknü pftmit der Geriatrie-typischen Multimorbidität, die ihrerseits aufgrund der funktionellen Einschränkungen einen erhöhten Pflegebedarf nach sich ziehen kann [Denkinger und Polidori, 2024]. Menschen mit Pflegebedarf Ältere Menschen mit einem Pflegegrad sind nahezu generell geriatrische Patienten, dagegen haben längst nicht alle geriatrischen Patienten einen bewilligten Pflegegrad. Unter Bezug auf die Gesetzgebung und den formalen Pflegebedü rftigkeitsbegriff sind mit Menschen mit Pflegebedarf diejenigen gemeint, „die gesundheitlich bedingte Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit oder der Fähigkeiten aufweisen und deshalb der Hilfe durch andere bedü rfen“ [BMG, 2024]. Die formal definierte Pflegebedü rftigkeit gibt in sechs Lebensbereichen Die aufsuchende Versorgung ermöglicht auch bei eingeschränkter Mobilität des Patienten eine kontinuierliche zahnmedizinische Betreuung. Foto: Praxis Dr. E. Ludwig (Hintergrund KI-basiert modifiziert) zm116 Nr. 10, 16.05.2026, (810) CME AUF ZM-ONLINE Teil 1: Diagnostik bei alten Patienten Für eine erfolgreich gelöste Fortbildung erhalten Sie zwei CME-Punkte der BZÄK/DGZMK.
RkJQdWJsaXNoZXIy MjMxMzg=