ZAHNMEDIZIN | 53 keit abgeben. Solche Veränderungen können sich bei der Entscheidung fortsetzen, ob es (noch) möglich ist, die gewohnten Utensilien zur Mundpflege aus der Häuslichkeit mitzunehmen und zu nutzen, diese selbst zu erwerben und zu verwalten oder ob sie von der versorgenden Einrichtung gestellt werden und möglicherweise lediglich eine Basisausstattung von Zahnbürste und Zahnpasta umfassen [DNQP, 2023]. Durch die Rahmenbedingungen werden Entscheidungen und Möglichkeiten der Gesundheitsfürsorge beeinflusst. Alte Menschen mit Unterstützungsbedarf sind nicht nur darauf angewiesen, dass dritte Personen sie bei Mund-, Zahn- und Prothesenpflege unterstützen. Auch bei der Kontaktaufnahme zu einer zahnärztlichen Behandlung sowie bei der Umsetzung von Maßnahmen zur Förderung der Mundgesundheit ist zumeist Hilfe erforderlich. Ob diese Unterstützung durch Angehörige oder Mitarbeitende der jeweiligen unterstützenden Dienste erfolgt, kann individuell variieren, sie ist aber essenziell. Ernährung und Mundgesundheit „Mundgesundheit zeigt sich in der Fähigkeit, ohne Einschränkungen zu kauen und zu essen“ [DNQP, 2023]. Diese Definition aus dem Expertenstandard „Förderung der Mundgesundheit in der Pflege“ zeigt, wie relevant die Mundgesundheit für die Ernährungssituation ist. Zum einen beeinflussen eine unzureichende Mundpflege oder eine beeinträchtigte Mundgesundheit die Ernährung [Nitschke et al., 2012]. Zugleich gehören Malnutrition, Fehlund Mangelernährung zu den Problemfeldern geriatrischer Patienten [Blumenberg et al., 2017]. Alte Menschen, insbesondere geriatrische Patienten benötigen daher besondere Aufmerksamkeit bei der Einschätzung ihrer Ernährungssituation und der Wechselwirkung mit der individuellen Mundgesundheit [DNQP, 2023]. Kauen und Schlucken können durch Erkrankungen wie Karies und Parodontitis erschwert sein, was negative Folgen haben kann. Dadurch entstehende Erkrankungen wiederum können mit einem schlechten Ernährungszustand einhergehen, diesen verursachen oder begünstigen. Die Verabreichung von oralen hochkalorischen Nahrungsergänzungsmitteln an ältere und unterernährte Patienten birgt potenzielle Risiken für die Zahngesundheit (häufig hoher Zuckeranteil). Um einen optimalen Nutzen zu erzielen, ist es unerlässlich, die Gabe von ONS (oral nutritional supplements) individuell anzupassen. Nach Möglichkeit ist die Vermeidung kohlenhydratreicher ONS sinnvoll, und es sind angemessene präventive Maßnahmen zu ergreifen, um die Entstehung und Progression von Karies zu verhindern [Stillhart et al., 2021]. Schmerz und Mundgesundheit Schmerzen im orofazialen Bereich können direkte Auswirkungen auf die Mundgesundheit und die Kaufähigkeit haben. Die Inspektion der Mundhöhle, der Zähne und gegebenenfalls der (Teil-)Prothesen hat daher auch stets in Hinblick auf mögliche Schmerzen zu erfolgen [DNQP, 2023]. Auskunftsfähige Personen sind zu möglichen Schmerzen zu befragen. Bei Menschen mit kognitiven Einschränkungen oder Bewusstseinsbeeinträchtigungen ist eine Selbstauskunft zu Schmerzen schwierig bis unmöglich. Eine Fremdeinschätzung zu Schmerz kann dann erforderlich sein, die Erhebung und die Interpretation der Ausgangssituation zur Mundgesundheit im Hinblick auf Schmerzen oder die subjektiv empfundene Behandlungsnotwendigkeit sind dann allerdings mitunter schwierig. Zur Einschätzung der Situation, zur zahnärztlichen Diagnostik und zur Indikationsstellung für eine Behandlung ist eine systematische Fremdeinschätzung zu Schmerz hilfreich [Blumenberg et al., 2020]. Eine interdisziplinäre – zirkuläre – Visite unter Einbeziehung von Personen des Unterstützungsumfelds kann prozesshaft stattfinden. Können Personen ihre Empfindungen nicht mehr zuverlässig ausdrücken, sind beobachtbare Verhaltensmerkmale zu berücksichtigen. Diese können sich durchaus von der Selbstaussage zu Schmerz unterscheiden, denn möglicherweise verstehen Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen die explizite Frage nach Schmerz nicht mehr [Sirsch, 2020]. Weitere Informationen zur Fremdeinschätzung von Schmerz sowie zum Schmerz-Assessment finden sich in den Kapiteln 5.24 und 5.25 in der Langversion der Leitlinie. zm116 Nr. 10, 16.05.2026, (815) KONSENSBASIERTE EMPFEHLUNG 6: (NEU/2026) Wann immer möglich soll der Erhalt eigener Zähne für die Kaufunktion angestrebt werden. Die Kaufunktion soll durch festsitzenden/abnehmbaren Zahnersatz erhalten bzw. wiederhergestellt werden. Abstimmung: 14/2/1 (ja, nein, Enthaltung) – insg. 17 Stimmen Konsens Expertenkonsens KONSENSBASIERTE EMPFEHLUNG 8: (NEU/2026) Zur Behandlungsplanung und Evaluation sollte eine Einschätzung von Schmerz als Selbstauskunft oder Fremdeinschätzung erfolgen. Abstimmung: 17/0/0 (ja, nein, Enthaltung) – insg. 17 Stimmen starker Konsens Expertenkonsens KONSENSBASIERTES STATEMENT 3: (NEU/2026) Die Rahmenbedingungen des Unterstützungsumfelds sind bei der zahnmedizinischen Betreuung und der zahnärztlichen Behandlungsplanung zu berücksichtigen. Abstimmung: 17/0/0 (ja, nein, Enthaltung) – insg. 17 Stimmen starker Konsens Expertenkonsens
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