58 | ZAHNMEDIZIN Kiefer- und Gesichtsbereich in Bezug auf die allgemeine Gesundheit (Pneumonien, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Polyarthritis, Gebrechlichkeit, kognitiver Abbau, Adipositas et cetera) dürfen bei der Aufklärung und Entscheidungsfindung zur Therapie nicht unterschlagen werden. Risikomanagement Das geschwächte Immunsystem wie auch gehäufte Krankenhausaufenthalte führen dazu, dass geriatrische Patienten häufiger von multiresistenten Erregern (MRE) befallen sind. In erster Linie sind hier MRSA (Methicillin-Resistenter Staphylococcus aureus) und VRE (Vancomycin-resistente Enterokokken) zu nennen. Bei der Infektion mit resistenten Erregern ist die Lokalisation des Befalls nachzufragen, um die Relevanz und das Gefahrenpotenzial einer Übertragung im Rahmen einer zahnärztlichen Behandlung individuell abzuschätzen. Unabhängig davon gelten für die Behandlung infektiöser Patienten besondere Hygienevorschriften, die durch den Deutschen Arbeitskreis für Hygiene in der Zahnmedizin (DAHZ) beschrieben sind [DAHZ, 2024]. Beim Einsatz von keimreduzierenden Spüllösungen im Vorfeld ist auf eine ausreichende Schluckkompetenz zu achten. Insgesamt sind für eine erfolgreiche Behandlung eine gute Leistungsbereitschaft sowie eine verständliche Anleitung wichtige Voraussetzungen. Darüber hinaus sind eine möglichst aufrechte Kopf-Körper-Haltung des Patienten (den Kopf dabei etwas zur Brust geneigt und nicht zur Seite gedreht – es gibt Ausnahmen, die gegebenenfalls individuell beachtet werden, beispielsweise bei Tumorpatienten und Schlaganfallpatienten) und ausreichende Pausen zum Schlucken sowie Nachschlucken sehr wichtig, um das Risiko einer Aspiration zu minimieren. Beim Einsatz von Wasser, Spray oder Spüllösungen ist eine effektive Absaugung entscheidend. Wenn die Kooperationsfähigkeit des Patienten es zulässt, hilft eine Anwendung von Kofferdam als Aspirationsschutz und auch im Sinne der Trockenlegung [Dziewas et al., 2024; Bohlender, 2023]. Der Einsatz von Antibiotika in der Zahnmedizin (zum Beispiel zur Endokarditisprophylaxe) erfolgt anhand der jeweils aktuell verfügbaren Leitlinie [Baddour et al., 2015] und wird gegebenenfalls individuell angepasst. Eine konsiliarische Abstimmung mit dem Hausarzt beziehungsweise Fachärzten ist im Einzelfall sinnvoll. Zur Vermeidung von Blutungskomplikationen und Wundheilungsstörungen sind besondere chirurgische Verfahren zum dichten Wundverschluss sowie der Einsatz von Hämostyptika und bei entsprechender Kooperationsfähigkeit gegebenenfalls auch Verbandplatten im Rahmen chirurgischer Eingriffe sinnvoll [AWMF, 2024]. Beim Einsatz von Anästhetika ist darauf zu achten, dass vor allem die Konzentration und die Menge adstringierender Zusätze wie Adrenalin sorgfältig abgewogen werden, da eine Vielzahl geriatrischer Erkrankungen beziehungsweise deren Medikation durch Adrenalin negativ beeinflusst werden kann. Auch Blutungskomplikationen können durch die Anästhesie verschleiert werden. Besonderheiten für das Praxisteam Grundsätzlich erfordert die zahnmedizinische Betreuung geriatrischer Patienten angepasste Organisationsstrukturen. Dazu zählen die Terminplanung mit der Organisation gegebenenfalls notwendiger Krankenbeförderungen, die konkreten juristischen Fragen bezüglich der Einwilligungs- und Geschäftsfähigkeit bei der Aufklärung, die Beziehungsgestaltung im Rahmen der Behandlung bei demenziell erkrankten Menschen, die Berücksichtigung der zm116 Nr. 10, 16.05.2026, (820) Prof. Dr. Ina Nitschke Universität Leipzig, Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde, Bereich Seniorenzahnmedizin Liebigstr. 12, 04103 Leipzig Foto: privat Prof. Dr. Julia Jockusch, M.Sc. Direktorin der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik und Seniorenzahnmedizin Medizinische Hochschule Brandenburg, Campus Brandenburg an der Havel Geschwister-Scholl-Str. 36, 14776 Brandenburg an der Havel Foto: privat Dr. Elmar Ludwig niedergelassener Zahnarzt in einer Gemeinschaftspraxis in Ulm mit Kooperationsvertrag, Referent für Geriatrische Zahnmedizin der Landeszahnärztekammer BadenWürttemberg sowie stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Alterszahnmedizin der BZÄK Foto: Privat KONSENSBASIERTE EMPFEHLUNG 29: (NEU/2026) Im Risikomanagement bei der zahnärztlichen Behandlung des geriatrischen Patienten sollen Infektionsrisiken, die Gefahr der Aspiration, die Blutgerinnung, die Indikation zur Antibiose und die Besonderheiten bei der Lokalanästhesie bedacht werden. Abstimmung: 18/0/0 (ja, nein, Enthaltung) – insg. 18 Stimmen starker Konsens Expertenkonsens Literatur: Nitschke, I. et al. 2021
RkJQdWJsaXNoZXIy MjMxMzg=