Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 10

ZAHNMEDIZIN | 71 auch bei vollständiger Information wirksam bleiben. Der zentrale Zielkonflikt zwischen einer vollständigen Risikoaufklärung und der Vermeidung schädlicher Erwartungseffekte lässt sich daher nicht durch die Menge der Information, sondern durch deren sprachliche Qualität lösen. Ein interessanter Ansatz ist hier auch die Forschung von Kaptchuk et al. [2010] zu offenen Placebos. Studien zeigen, dass selbst dann klinische Effekte auftreten können, wenn Patientinnen und Patienten wissen, dass sie ein Placebo erhalten, sofern die zugrunde liegenden Wirkmechanismen plausibel erklärt werden. Dies unterstreicht, dass nicht die Täuschung, sondern die Aktivierung sinnvoller Erwartungsmodelle den entscheidenden Wirkfaktor darstellt. Jede Formulierung setzt einen Rahmen Studien zeigen zudem, dass negative verbale Suggestionen nicht nur die subjektiven Schmerzangaben erhöhen, sondern auch physiologische Parameter wie das Stresslevel und die neuronale Aktivität beeinflussen. Für die zahnärztliche Praxis ergibt sich daraus, dass kommunikative Feinheiten integraler Bestandteil der Wirksamkeit einer Behandlung sind. Sprache kann entweder als Verstärker von Angst und Schmerz wirken oder gezielt zur Stabilisierung und Entlastung eingesetzt werden. Die Kommunikation beeinflusst die Erwartung, die Erwartung beeinflusst die Wahrnehmung und die Wahrnehmung beeinflusst das Behandlungserleben sowie die klinischen Ergebnisse. Vor diesem Hintergrund erscheint es folgerichtig, die bewusste Gestaltung von Sprache als Bestandteil professionellen Handelns zu verstehen, vergleichbar mit der Auswahl von Materialien oder der Präzision technischer Abläufe. Die sachlich korrekte und vollständige Aufklärung bleibt unverzichtbar, gleichzeitig sollten unnötige negative Erwartungsinduktionen vermieden werden, indem Risiken differenziert, kontextualisiert und lösungsorientiert vermittelt werden. Ihre Kommunikation sollte darüber hinaus dazu beitragen, die Autonomie und die Selbstwirksamkeit zu stärken, indem sie Kontrolle erlebbar macht und die Patientinnen und Patienten aktiv einbindet. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Kommunikation unvermeidbar wirksam ist. Sie beeinflusst die Erwartung, die Erwartung beeinflusst die Wahrnehmung und die Wahrnehmung beeinflusst das Behandlungserleben sowie die klinischen Ergebnisse. Eine neutrale Kommunikation existiert nicht. Jede Formulierung setzt einen Rahmen, innerhalb dessen Patientinnen und Patienten ihre Erfahrungen interpretieren. Daraus ergibt sich die Konsequenz, dass die bewusste Gestaltung dieses Rahmens nicht als Zusatz, sondern als integraler Bestandteil professioneller Verantwortung verstanden werden sollte. Patientinnen und Patienten werden nicht nur behandelt, sondern in ihrer Wahrnehmung der Behandlung aktiv begleitet.  zm116 Nr. 10, 16.05.2026, (833) ZUR STUDIENLAGE Ein besonders eindrückliches Beispiel liefert ein Experiment aus der Placebo-und-NoceboForschung von Bingel et al. [2011] (Grafik). In dieser Untersuchung wurden die Probandinnen und Probanden wiederholt identischen Hitzeschmerzreizen ausgesetzt, um den Einfluss von Information und Erwartung auf die Wirkung eines hochpotenten Analgetikums zu analysieren. Im ersten Durchgang erhielten sie einen Hitzeschmerzreiz und gleichzeitig eine Infusion mit Kochsalzlösung. Die Schmerzintensität wurde im Mittel mit 66 von 100 Punkten angegeben. Im zweiten Durchgang wurde bei identischem Schmerzreiz zusätzlich das hochwirksame Opioid Remifentanil verabreicht, ohne dass die Teilnehmenden darüber informiert wurden. Unter dieser Bedingung sank die Schmerzintensität auf 55 Punkte. Im dritten Durchgang bekamen sie vorab die Information, dass ihnen ein starkes Schmerzmittel verabreicht wird, während sie erneut die gleiche Dosis Remifentanil erhielten. Die Schmerzintensität reduzierte sich in dieser Situation – deutlich – auf 39 Punkte. Im vierten Durchgang wurden die Teilnehmenden darüber informiert, dass sie kein Schmerzmittel mehr erhalten werden, obwohl unverändert weiter Remifentanil verabreicht wurde. In dieser Konstellation stieg die Schmerzintensität wieder auf 64 Punkte an und erreichte damit nahezu das Ausgangsniveau der Kochsalzinfusion. Die negative Information führte zu einer entsprechenden Erwartungsbildung, die die pharmakologische Wirkung des Opioids praktisch vollständig aufhob. Zugespitzt kann man daraus ableiten: Die Erwartung kann die Wirkung eines hochpotenten Analgetikums nicht nur modulieren, sondern unter bestimmten Bedingungen neutralisieren. Dass diese Mechanismen nicht auf experimentelle Schmerzmodelle beschränkt sind, sondern auch klinisch relevante Outcomes beeinflussen, zeigt eine Untersuchung an 124 Patientinnen und Patienten nach einer Bypass-Operation [Rief et al., 2017]. Die Patienten wurden vor dem Eingriff unterschiedlich vorbereitet. Die „Erwartungsgruppe“ erhielt gezielt Informationen, die eine positive, zugleich realistische Erwartung hinsichtlich des Operationsergebnisses aufbauten, ergänzt durch die Vorstellung der zukünftigen Aktivitäten im Rahmen eines günstigen Heilungsverlaufs. Eine zweite Gruppe („Emotionsgruppe“) wurde in vergleichbarem Umfang betreut, jedoch mit dem Fokus auf der Thematisierung und Verarbeitung von Ängsten und emotionalen Reaktionen. Eine dritte Gruppe („Standardgruppe“) erhielt die übliche medizinische Aufklärung und Versorgung. Alle Gruppen wurden identisch operiert und medizinisch versorgt. Sechs Monate nach dem Eingriff zeigten sich deutliche Unterschiede: Die Patientinnen und Patienten der Erwartungsgruppe berichteten über geringere körperliche Einschränkungen und schätzten ihre berufliche Leistungsfähigkeit höher ein als die beiden Vergleichsgruppen. Auch die objektiven Parameter unterschieden sich: Das Auswurfvolumen der linken Herzkammer war in dieser Gruppe erhöht. Die Emotionsgruppe nahm eine mittlere Position ein, während die Standardgruppe sowohl subjektiv stärker eingeschränkt war als auch die ungünstigsten objektiven Werte aufwies. Zusätzlich zeigten sich in der Standardgruppe höhere Entzündungsmarker im Vergleich zu den beiden anderen Gruppen. Die gezielte Erwartungsbildung erwies sich damit in mehreren zentralen Outcome-Parametern als wirksamer als eine alleinige emotionale Unterstützung. Beide Gruppen mit intensivierter Aufklärung waren der Standardgruppe überlegen.

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