44 | TITEL zm116 Nr. 11, 01.06.2026, (902) Zahnfragments vorstellen, manchmal Monate oder sogar Jahre nach der ursprünglichen Verletzung. Während die (schnelle) Entfernung von Splittern aus den Weichgeweben bereits ästhetische und funktionell einschränkende Folgen durch Narbenzüge aufweisen kann, können durch eine verspätete Diagnosestellung chronische Beschwerden sowie akute Abszedierungen entstehen. Auch therapeutisch zeigte sich ein differenziertes Vorgehen. Oberflächlich tastbare und gut lokalisierbare Fragmente können meist in der allgemeinzahnärztlichen Behandlung unter lokaler Anästhesie komplikationslos entfernt werden [Munerato et al., 2008]. Bei tiefer gelegenen Fragmenten oder in der Nähe zu sensiblen anatomischen Strukturen, etwa dem M. orbicularis oris oder dem N. mentalis, kann jedoch eine interdisziplinäre Zusammenarbeit sinnvoll sein. In solchen Situationen sollte eine Überweisung an die Oralchirurgie oder die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie in Erwägung gezogen werden, um eine sichere chirurgische Entfernung zu gewährleisten. Die beschriebenen Fälle unterstreichen zudem die Bedeutung eines strukturierten diagnostischen Vorgehens bei der Erstversorgung dentaler Traumata. Während der Fokus in der klinischen Praxis häufig auf der Beurteilung der betroffenen Zähne liegt, werden Verletzungen der umliegenden Weichgewebe nicht immer systematisch dokumentiert. Hilfsmittel wie der von der Deutschen Gesellschaft für Endodontologie und zahnärztliche Traumatologie aktualisierte „Befundbogen Zahntrauma“ können hierbei eine wertvolle Unterstützung darstellen. Der dritte Fall verdeutlicht darüber hinaus, dass geborgene Zahnfragmente unter günstigen Voraussetzungen für eine adhäsive Rekonstruktion verwendet werden können. Die Wiederbefestigung des Originalfragments stellt eine minimalinvasive Therapieoption dar, die funktionelle und ästhetische Vorteile bietet. Fazit für die Praxis Bei fehlenden Zahnfragmenten oder einer gestörten Wundheilung nach Frontzahntrauma sollte eine Dislokation ins Lippenweichteilgewebe stets differenzialdiagnostisch berücksichtigt werden. Die alleinige Palpation ist dabei häufig nicht ausreichend, da auch Narbengewebe eine derbe Konsistenz aufweisen und so einen falschen Eindruck vermitteln kann. Ein gezieltes Weichgewebsröntgen liefert in vielen Fällen entscheidende diagnostische Hinweise und sollte frühzeitig eingesetzt werden. Die Entscheidung über das weitere Vorgehen, ob eine Entfernung im Rahmen der zahnärztlichen Behandlung erfolgen kann oder eine Überweisung an die Oralchirurgie oder Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie indiziert ist, sollte anhand von Lage, Größe und klinischer Zugänglichkeit des Fragments getroffenwerden. Bei tief liegenden Fragmenten oder in anatomischer Nähe zu sensiblen Strukturen wie dem Musculus orbicularis oris oder dem Nervus mentalis ist eine Überweisung zur spezialisierten chirurgischen Versorgung angezeigt. Oberflächlich gelegene, gut lokalisierbare Fragmente können hingegen in vielen Fällen komplikationslos unter Lokalanästhesie in der allgemeinzahnärztlichen Praxis entfernt werden. Unabhängig vom Vorgehen ist eine zeitnahe chirurgische Entfernung anzustreben, um das Risiko für Infektionen, chronisch-entzündliche Reaktionen sowie eine ausgeprägte Narbenbildung zu minimieren. n Abb. 7: Methoden zur Erstellung von Weichgewebsröntgenbildern: a: Eine Speicherfolie oder ein Sensor wird im Vestibulum zwischen Lippe und Zähnen positioniert; die Aufnahme erfolgt bei geschlossenem Mund und reduzierter Belichtungszeit. b: Eine Aufbissaufnahme kann, je nach Projektion und Art der Einstellung, Fragmente in der Ober- oder in der Unterlippe darstellen. ONLINE-FORTBILDUNG MIT LERNPLATTFORM UND HANDSON-TRAINING Die Kliniken für Zahnerhaltung der Universitäten Regensburg und Erlangen arbeiten gemeinsam unter Leitung der Ostbayerischen technischen Hochschule in Regensburg und in Kooperation mit dem Universitätsklinikum in Pilsen/Tschechien an einem Weiterbildungskonzept für niedergelassene Zahnarztpraxen zur Akutversorgung von Zahnunfällen. Dabei soll das theoretische Wissen über eine Online-Lernplattform vermittelt und dann in den eigenen Praxisräumen anhand von 3D-gedruckten Modellen praktisch trainiert werden – um sich flexibel, orts- und zeitunabhängig weiterbilden zu können. Praxen aus der bayerischtschechischen Grenzregion (Oberfranken, Oberpfalz, Niederbayern) können sich bereits für das Projekt registrieren. Geplant ist, das Projekt ab Sommer 2028 deutschlandweit zugänglich zu machen. Weitere Informationen: https:// www.3dentect.eu/. a b Fotos: Zahnklinik 1 – Zahnerhaltung und Parodontologie, Erlangen
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