Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 11

GESELLSCHAFT | 71 Der Andrang war gerade noch beherrschbar Bei meist über 30 Grad und 80 bis 90 Prozent Luftfeuchtigkeit behandelten wir täglich von früh bis spät. Dafür richteten wir in einem Teil der Krankenstation eine kleine zahnärztliche Station ein: drei Holzliegen, zwei Stühle, ein provisorisches Materiallager und eine Hygieneecke mit Drucktöpfen. Auf den Treppen vor der Station sammelten sich spätestens nach unserem Besuch des Aschermittwoch-Gottesdienstes in der Kirche mit etwa 800 Besuchern lange Schlangen an Patienten, der Bedarf schien grenzenlos. Da wir bis zur Mittagspause oder zum Feierabend nicht alle behandeln konnten, haben wir unter viel Aufruhr und Geschrei Zettel als Marken für den nächsten Tag verteilt. Manche Menschen wussten offensichtlich nicht, was das sein soll, aber es gab etwas umsonst – da stellt man sich doch an! Damit wollten wir denjenigen, die schon stundenlang gewartet hatten, für den nächsten Tag einen Termin garantieren. Doch leider wurden diese Marken teilweise weitergegeben oder verkauft. Ohne zwei Englischlehrer, die von Englisch auf Malagassy übersetzten, wäre das Behandeln nicht möglich gewesen, obgleich wir uns grundlegende Vokabeln wie Name, Alter oder Schwangerschaft auf Malagassy aneigneten. Trotzdem blieben Missverständnisse nicht aus: mit der Kochplatte, auf der wir in Drucktöpfen die Instrumente abkochten, schmorte die Leitung im Behandlungsraum durch, sodass wir ein Verlängerungskabel („longer cable“) verlangten. Man präsentierte uns einige Zeit später stolz einen sehr langen Holztisch – einen „longer table“. Trockenlegung mit einer Fahrradluftpumpe Zurück in Fort Dauphin, wohnten wir erneut im Kloster und behandelten mit den restlichen Materialien zwei weitere Wochen. Da erwischte uns ein Zyklon, sodass wir zwei Tage ohne Strom arbeiten mussten, wodurch weder die Einheit für Füllungen und Osteotomien noch die Kochplatte für die Drucktöpfe zur Verfügung standen. Deshalb stellten wir den Drucktopf auf das Lagerfeuer der Schule, auf dem mittags gekocht wurde, wobei fast die Plastiköffnung des Überdruckventils schmolz. Nach diesem Zwischenfall überbrückten wir die Zeit lieber mit einem geborgten Dieselgenerator, bis sich die Stromversorgung nach einigen Tagen wieder entspannte. Der allgemeine Zahnstatus ist in Fort Dauphin etwas besser, sodass mehr Füllungen auf dem Programm standen. Diese meisterten wir unter relativer Trockenlegung mit Watterollen und einer Fahrradluftpumpe. In der letzten Woche waren wir auch im lokalen Gefängnis tätig, wo wir an drei Tagen die 300 Insassen, die in drei großen Zellen zusammengepfercht unter unmenschlichen Umständen hausen, behandelten. Diese bekommen nur einmal am Tag um 17 Uhr ungewürzten Manioksud zum Essen, von Mundhygiene ganz zu schweigen. Fazit Die vier Wochen waren eine sehr eindrucksvolle Zeit. Wir haben viel über das Land und die Leute gelernt, aber auch in einer der ärmsten und abgeschiedensten Regionen der Welt einigen Menschen Zugang zu zahnmedizinischer Versorgung ermöglicht. Wir sahen seltene Anomalien, die man so in Deutschland kaum noch antrifft, und lernten, mit begrenzten Möglichkeiten zurechtzukommen und die Situation hierzulande wertzuschätzen – trotz aller Formulare und Hürden im Alltag. Die Zusammenarbeit mit lokalen Trägern schafft eine hohe Akzeptanz und Integration der Bevölkerung. Und das wiederum ermöglicht den Aufbau nachhaltigerer Strukturen, regelmäßige Putzdemos in Schulen und lokale Projekte. So müssen die approbierten Kollegen vor Ort vielleicht nicht jedes Jahr aufs Neue einen Quadranten entzahnen, sondern die Prävention zeigt eines Tages Wirkung. Das ist natürlich ein langer Prozess, der Zeit braucht. Dessen Begleitung kann ich jeder Kollegin und jedem Kollegen nur ans Herz legen! Wenn Sie also PlanetAction bei einem Projekt begleiten oder finanziell unterstützen wollen, melden Sie sich gerne: info@planet-action.de n zm116 Nr. 11, 01.06.2026, (929) Auch aus fachlicher Sicht staunten wir manchmal nicht schlecht: wir extrahierten Zähne, an denen 20 Millimeter große Zysten baumelten, oder hatten eine Patientin, die bereits eine extraorale Fistel durch ihre Weisheitszähne hatte, sodass wir sie dringlichst nach Antananarivo schickten. Großartige Zwischenfälle blieben uns aber erspart: nur ein Patient hatte eine starke Nachblutung im Oberkiefer, die stundenlang nicht enden wollte, sodass wir das Gefäß mit einem über einem Feuerzeug erhitzten Kugelstopfer verödeten. Die Ergebnisse von Prävention werden erst nach langer Zeit sichtbar sein. Voraussetzung dafür: die Zahnbürsten nicht gegen etwas anderes eintauschen. Fotos: Severin Hackenberger

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