Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 12

18 | GESELLSCHAFT RESTAURATIVE ZAHNHEILKUNDE IM SPÄTMITTELALTER Diese Zahnbrücke aus 20-karätigem Gold ist 500 Jahre alt! Restaurative Zahnheilkunde gab es offenbar schon im Spätmittelalter: Ein Mann, der zwischen 1460 und 1670 in Aberdeen gelebt hat, trug im Unterkiefer eine Zahnbrücke aus 20-karätigem Gold. Der in einer mittelalterlichen Kirche geborgene Fund dokumentiert den ältesten bekannten Fall einer Zahnbrücke in Schottland. Der untersuchte Unterkiefer wurde bei einer Rettungsgrabung vor dem Wiederaufbau der East Kirk of St Nicholas in Aberdeen, Schottland, entdeckt. Dabei bildete die Goldligatur, die an den rechten seitlichen und den linken mittleren Schneidezähnen des Unterkiefers befestigt war, entweder eine Brücke für den fehlenden rechten mittleren Schneidezahn oder sollte den rechten seitlichen Schneidezahn stabilisieren, berichtet das Team um Dr. Rebecca Crozier von der Universität Aberdeen in ihrer gerade erschienenen Studie. Die prestigeträchtige Grabstätte des Mannes signalisiert den Forschenden zufolge, dass er ein relativ wohlhabendes Mitglied der Gemeinde war und sich diese Art von Zahnbehandlung leisten konnte. Angesichts der sozialen Bedeutung des Erscheinungsbildes als Ausdruck des Charakters im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit mutmaßen die Wissenschaftler, dass die Gründe für diesen Eingriff überden Erhalt der Kaufunktion hinausgingen. Der untersuchte Unterkiefer war zu etwa 70 Prozent erhalten; der hintere Teil des linken aufsteigenden Unterkieferastes fehlte. Im Unterkieferzahnbogen befanden sich neun Zähne in ihrer ursprünglichen Position, vier gingen postmortal verloren und der rechte mittlere Schneidezahn war bereits vor dem Tod verloren gegangen. Die Weisheitszähne fehlten. Der Mann war reich, hatte aber schlechte Zähne Die Gesamtgröße des Knochens, der Entwicklungsstand der vorhandenen Zähne und die geschlechtsspezifischen Merkmale deuten darauf hin, dass der Unterkiefer von einem männlichen Erwachsenen mittleren Alters stammt. Die Untersuchung der Zähne ergab auch, dass die Person eine schlechte Mundgesundheit hatte. An mehreren Zähnen bestanden Kariesläsionen, an drei Zähnen waren ausgeprägte Kariesläsionen mit einer Zerstörung von über 50 Prozent der Zahnkrone erkennbar. An allen übrigen Zähnen waren geringe Zahnsteinablagerungen vorhanden. Periapikale Zysten oder Abszesse wurden nicht beobachtet. Dasauffälligste Merkmal des Fragments ist aber der feine Golddraht, der den rechten seitlichen Schneidezahn und den linken mittleren Schneidezahn umschließt und die Lücke zwischen diesen beiden Zähnen überbrückt. Dieser Draht liegt um den Zahnhals der genannten Zähne und wird durch einen Knoten an der labiodistalen Seite des linken mittleren Schneidezahns fixiert. Eine deutliche Vertiefung verläuft entlang des Zahnhalses an der labialen und der lingualen Seite des linken mittleren Schneidezahns – sie ist wahrscheinlich durch längeres Reiben des Drahtes an Das früheste (bekannte) Beispiel restaurativer Zahnheilkunde in Schottland: Verwendung einer Ligatur aus Gold zur Stabilisierung eines instabilen Unterkieferschneidezahns oder als Brückenkonstruktion zur Befestigung von Zahnersatz. zm116 Nr. 12, 16.06.2026, (972) DIE GRABUNG Vor ihrem Wiederaufbau fanden in der East Kirk of St Nicholas in Aberdeen von Januar bis Dezember 2006 archäologische Grabungen statt. Dabei wurden die Skelettreste von etwa 900 Individuen sowie 3,5 Tonnen Skelettmaterial freigelegt. Im Rahmen eines größeren Forschungsprojekts wurden die geborgenen Skelette, einschließlich des Unterkiefers mit der Goldligatur, jetzt erneut untersucht. Fotos: Jenna Dittmar

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