Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 12

GESELLSCHAFT | 19 der Zahnwurzel entstanden. Das heißt, dass die Ligatur wahrscheinlich über einen längeren Zeitraum vor dem Tod der Person angelegt worden war. Zahnerhalt oder Zahnersatz? Die Form des Drahtes, der sich über die verheilte Alveole des rechten mittleren Schneidezahns erstreckt, lässt vermuten, dass die Ligatur nach dem Verlust dieses Zahnes befestigt wurde. Dann bestand ihr Zweck wahrscheinlich darin, entweder den rechten seitlichen Schneidezahn zu erhalten oder ein Brückengerüst zur Befestigung eines Zahnersatzes zu schaffen. Die semiquantitative Analyse ergab, dass die Ligatur aus einer Legierung besteht, die sich im Mittel aus ungefähr 82,4 Prozent Gold, 9,8 Prozent Silber und 2,5 Prozent Kupfer zusammensetzt. Zu den restlichen messbaren Elementen zählen Schwefel, Aluminium und Sauerstoff. Dies entspricht 20-karätigem Gold. „Die Ligatur wurde wahrscheinlich von einem semi-profesionellen Praktiker angelegt, der möglicherweise auch die Golddrahtquelle war: ein Juwelier“, heißt es in der Studie. Das Aussehen war Spiegel des Charakters Die Gründe für diesen Eingriff waren vermutlich vielfältig. Im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit galt das äußere Erscheinungsbild eines Menschen als Indikator für seinen Charakter. Das Aussehen und der wahrgenommene Gesundheitszustand wurden mit den begangenen Sünden in Verbindung gebracht. „Ein schönes Lächeln ermutigte daher diejenigen, die sich solche Behandlungen leisten konnten, diese auch in Anspruch zu nehmen“, schreiben die Autorinnen und Autoren. Ihr Fazit: „Der Zugang zu Gesundheitsversorgung und kosmetischen Eingriffen war damals eng mit dem sozioökonomischen Status verknüpft. Diese Fallstudie erhärtet die wachsenden Belege einer restaurativen Zahnheilkunde im Spätmittelalter und in der Vormoderne.“ Das Verständnis der vormodernen Zahnmedizin zeige, dass bereits lange vor der Etablierung der modernen Zahnmedizin zahnärztliche Praktiken existierten. ck Dittmar, J., Crozier, R., Cameron, A. et al. Restorative dentistry in Early Modern Scotland: archaeological evidence of the use of a gold ligature. Br Dent J 240, 555–559 (2026). https://doi.org/10.1038/s41415025-9107-3 zm116 Nr. 12, 16.06.2026, (973) 35-fache Vergrößerung des verknoteten Endes der Ligatur Foto: University of Aberdeen Nahaufnahme der Goldligatur von labialer (a) und von lingualer Seite (b) HINTERGRUND Die erste anerkannte zahnärztliche Qualifikation wurde in Großbritannien erst 1860 eingeführt, aber bereits zuvor praktizierten viele qualifizierte (und unqualifizierte) Zahnärzte. Hilfesuchende wandten sich an Barbiere, Baderchirurgen, Zahnärzte (Dentatores) oder andere Heiler und Handwerker in ihrer Umgebung. Je nach Verfügbarkeit konnte man sich auch an einen „Zahnzieher“ wenden, oft ein Schausteller, der durchs Land reiste und seine Methoden zur „schmerzlosen“ Zahnextraktion anpries. In den frühneuzeitlichen schottischen Gemeinden wurde die Gesundheitsversorgung größtenteils von einheimischen Frauen übernommen, die Zähne zogen und neben der Anwendung von Heilkräutern auch Gebete und Zaubersprüche anboten. Verschiedene Heilmittel für Beschwerden im Mundbereich sind in schriftlichen Quellen belegt. Auf der Isle of Skye wurde Zahnschmerz unter anderem mit glühenden Kohlen erhitzter grüner Torf auf die schmerzende Stelle aufgelegt. Berichte aus Aberdeen deuten darauf hin, dass ein Umschlag aus Kuhdung ein lokales Behandlungsmittel gegen Abszesse (sowie Ekzeme) war. Die Anwendung solcher Volksheilmittel war in Schottland bis ins 20. Jahrhundert üblich. a b Fotos: Jenna Dittmar

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