22 | POLITIK zm116 Nr. 12, 16.06.2026, (976) fleischtaschen bei Erwachsenen innerhalb von neun Jahren lediglich um 0,2 mm und bei Senioren sogar nur um 0,1 mm zunimmt. Endstation Zahnverlust Das gemeinsame Endstadium von Karies und Parodontitis ist der Zahnverlust – ein Prozess, der sich in der Regel über viele Jahre bis Jahrzehnte entwickelt. Die Daten der DMS-Studie zeigen, dass das Risiko hierfür im Seniorenalter am höchsten ist. 62 Prozent der Menschen erleiden Zahnverluste im Seniorenalter, was etwa doppelt so häufig ist wie im Erwachsenenalter. Erwachsene verlieren innerhalb von neun Jahren durchschnittlich 0,6 Zähne, während Senioren im gleichen Zeitraum durchschnittlich zwei Zähne verlieren und damit mehr als dreimal so viele. Neben dem Alter spielt auch eine Rolle, ob bereits Zahnverluste vorliegen. Personen mit vollständigem Zahnbestand verlieren deutlich weniger Zähne als Personen, die bereits zuvor Zahnverluste erlitten haben. Fazit Die entscheidende parodontale Krankheitsprogression findet vor allem im mittleren Erwachsenenalter zwischen dem 40. und dem 50. Lebensjahr statt und nicht erst im Seniorenalter. Dennoch werden derzeit die meisten Parodontitisbehandlungen erst im höheren Lebensalter durchgeführt – also zu einem vergleichsweise späten Zeitpunkt. Aus epidemiologischer Sicht besteht die größte sozialmedizinische Herausforderung der Zahnmedizin daher in einer nachhaltigen Verringerung der hohen parodontalen Krankheitslast. Mögliche Lösungsansätze zeigen die Erfahrungen aus der Kariesprävention: 1. Die Behandlung der bestehenden Erkrankungsfälle – insbesondere der rund 14 Millionen schweren Erkrankungen – muss intensiviert werden, um die aktuelle Krankheitslast zu reduzieren. Dies ist die Aufgabe der Tertiärprävention. 2. Die DMS-Daten zeigen außerdem, dass eine hohe parodontale Krankheitsaktivität bereits im Erwachsenenalter besteht. Deshalb sollte die zahnmedizinische Versorgung darauf abzielen, Parodontitis frühzeitig zu erkennen und zu behandeln, bevor schwere Krankheitsstadien entstehen. Dies umfasst die Früherkennung und die Frühbehandlung und gehört zur Sekundärprävention. 3. Langfristig entscheidend ist die nachhaltige Verringerung neuer Erkrankungsfälle. Bei der Karies konnte dies unter anderem durch Maßnahmen der Gruppen- und der Individualprophylaxe erreicht werden. Die grundlegenden Strukturen hierfür bestehen bereits. Besonders wichtig erscheint die frühzeitige Vermittlung Parodontitis-relevanter Kenntnisse sowie praktischer Fähigkeiten zur Mundhygiene (beispielsweise zur Reinigung der Interdentalräume) bereits während der Entwicklung des bleibenden Gebisses. Dies ist eine Aufgabe der Primärprävention. Durch eine deutliche Verringerung der parodontalen Krankheitslast kann der lebenslange Erhalt der Zähne gefördert werden. Gleichzeitig leisten Zahnmedizinerinnen und Zahnmediziner damit einen wichtigen Beitrag zur allgemeinen Gesundheitsförderung der Bevölkerung. Dies gilt insbesondere im Zusammenhang mit gemeinsamen Risikofaktoren chronischer Erkrankungen. Wie der finnische Epidemiologe und Parodontologe Jukka Ainamo formulierte: „The dentition is intended to last a lifetime.“ n Erwachsene: 35- bis 44-Jährige > 43- bis 52-Jährige | Seniorinnen und Senioren: 65- bis 74-Jährige > 73- bis 82-Jährige | Karieserfahrung gemessen mit DMF-Index | Inzidenz und Progression: Anteil Personen (%) unter Risiko mit Neuerkrankungen / Erkrankungsfortschritt nach 9 Jahren Inzidenz und Progression Inzidenz und Progression 31% 62% voll-bezahnt teil-bezahnt gesamt 0,3 0,8 0,6 voll-bezahnt teil-bezahnt gesamt 0,6 2,1 2,0 Erwachsene Seniorinnen und Senioren Zahnverluste Inzidenz und Progression bei Erwachsenen und Seniorinnen und Senioren Abb. 3: Inzidenz und Progression der Zahnverluste bei Erwachsenen und Senioren DMS • 6 EN DÉTAIL Alle Informationen und Erkenntnisse der Sechsten Deutschen Mundgesundheitsstudie in fünf Beiträgen: n zm 10/2026: Karies n zm 11/2026: Restaurationen n zm 12/2026: Parodontitis n zm 13-14/2026: Systemerkrankungen n zm 15-16/2026: Fazit – Bedeutung der Ergebnisse für die Versorgung Prof. Dr. med. dent. A. Rainer Jordan, MSc Wissenschaftlicher Direktor Institut der Deutschen Zahnärzte (IDZ) Universitätsstr. 73, 50931 Köln Foto: IDZ
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