Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 12

68 | TITEL Implantatprothetik für eine erfolgreiche Fertigung von Zahnersatz im digitalen Workflow nicht allein die Genauigkeit des Intraoralscans entscheidend; ebenso wichtig ist die nachgelagerte Prozesskette, beispielsweise das 3D-gedruckte Implantatmodell. Genauigkeit im zahnlosen Kiefer Für die Erstellung eines dreidimensionalen Ganzkieferscans werden charakteristische Orientierungspunkte benötigt, um die einzelnen Bild- oder Videosequenzen korrekt zusammenzufügen. Im zahnlosen Kiefer fehlen diese Strukturen größtenteils – mit Ausnahme der Rugae palatinae. Dadurch ist das Matching und Stitching deutlich erschwert, was die Genauigkeit des Scans einschränkt. Für implantatgetragene Versorgungen werden daher zunehmend fotogrammetrische Ansätze verfolgt (siehe Abschnitt „Genauigkeit bei Implantatabformungen“). Für den Halt von Totalprothesen ist die mukodynamische Funktionsabformung entscheidend, die mit heutigen Intraoralscannern nicht durchgeführt werden kann [Srivastava, 2023]. Intraorale Strukturen lassen sich daher nur indirekt abbilden, beispielsweise durch das extraorale Scannen einer Prothese oder Bissschablone, die zuvor mit Abformmasse unterfüttert wurde [Rasaie, 2022]. Genauigkeit der digitalen Okklusion Die digitale Abformung umfasst neben der Erfassung von Ober- und Unterkiefer auch die digitale Bissregistrierung mittels eines oder mehrerer Bukkalscans. Diese dienen der virtuellen Zuordnung des Unterkiefers zum Oberkiefer. Die digitale Okklusion beschreibt dabei die Darstellung der Okklusionskontakte anhand von virtuellen Modellen. Im Unterschied zu physischen Modellen kommt es jedoch nicht zu einem realen Kontakt, sondern zu rechnerisch generierten Annäherungen beziehungsweise „Durchdringungen“ der digitalen Oberflächen, was häufig durch farbliche Markierungen visualisiert wird (Abbildung 8) [Kordass, 2025]. Abweichungen in der digitalen Okklusion können verschiedene Ursachen haben. Technisch bedingt sind insbesondere Fehler beim Matching beziehungsweise Stitching während des Scanvorgangs zu nennen, die zu Verformungen oder Verwindungen der Kiefermodelle führen können. Zudem spielen biologische Faktoren eine Rolle, etwa die physiologische Beweglichkeit der Zähne oder eine Deformation des Unterkiefers. Die Evidenzlage ist gering, allerdings besteht der Verdacht auf eine Fehlpositionierung bei Abweichungen von mehr als 50 µm. Daher wird empfohlen, die digitale Okklusion stets mit weiteren Verfahren zur Okklusionsbestimmung abzugleichen. Hierzu zählt insbesondere die klinische Kontrolle statischer Okklusionskontakte [Kordass, 2025]. Ergänzend kann eine Kopplung mit geeigneten elektronischen Messsystemen zur dreidimensionalen Erfassung der Okklusion erfolgen (zum Beispiel Zebris). Dynamische Bukkalscans stellen einen weiteren Ansatz dar, sind jedoch derzeit wissenschaftlich noch unzureichend untersucht. Fehlerquellen und Limitationen Auch die digitale Abformung ist – ebenso wie die konventionelle – nicht frei von potenziellen Fehlerquellen. Entscheidend ist daher die Fähigkeit der Anwenderin beziehungsweise des Anwenders, bereits während der digitalen Abformung auftretende Fehler zu erkennen und diese unmittelbar zu korrigieren. Im digitalen Modell ist eine nachträgliche Korrektur in der Regel nicht möglich. Dies führt gelegentlich zu der Einschätzung, dass das klassische Gipsmodell gewisse Vorteile in der nachträglichen Bearbeitbarkeit bietet. Insbesondere bei Präzisionsabformungen zur Herstellung prothetischer Restaurationen ist daher der digitalen Datenerfassung besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Die Genauigkeit einer digitalen Abformung wird folglich nicht ausschließlich durch das verwendete Intraoralscannersystem bestimmt. Auch anwender- und patientenbedingte Faktoren können die Qualität des Intraoralscans maßgeblich beeinflussen und zu Abweichungen führen [RevillaLeon, 2023; Alkadi, 2023; Revilla-Leon, 2025]. Daraus ergibt sich, dass digitale Abformungen mit derselben Sorgfalt beurteilt werden müssen, wie sie seit Jahrzehnten im konventionellen Workflow etabliert ist. In der analogen Abformtechnik erfolgt die Kontrolle der Abformung routinemäßig unter Vergrößerung, beispielsweise mittels Abb. 8: Exemplarische Darstellung einer „Durchdringung“ der digitalen Oberflächen von Ober- und Unterkieferscan (Primescan AC, Dentsply Sirona) mit farblichen Markierungen Foto: Zahnmedizinische Prothetik, CAU Kiel zm116 Nr. 12, 16.06.2026, (1022)

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