72 | GESELLSCHAFT MIT „SECOURS DENTAIRE INTERNATIONAL“ IM SÜDSUDAN Zähne ziehen am vierten Breitengrad Paul-Philipp Braun Zwei deutsche Zahnärzte, ein improvisierter Behandlungsraum, mehr als 100 Patienten pro Tag: Im März 2026 reisten Dr. Armin Reinartz und Dr. Alexander Schafigh für Secours Dentaire International (SDI) in den Südsudan. Eine Region, in der zahnmedizinische Versorgung praktisch nicht existiert. Ein Sonntagmorgen in Nzara, einer Kleinstadt im südsudanesischen Bundesstaat Western Equatoria: Vor der Zahnklinik des „St. Theresa Hospital“ haben sich bereits mehr als 100 Menschen versammelt. Drinnen baut Reinartz seinen Triageposten auf: Ein Schreibtischstuhl, eine Stirnleuchte, mehr braucht er nicht, um die Schmerzpatienten von den weniger dringlichen Fällen zu trennen. Neben ihm steht Andrew Ngbamboligbe, Leiter der Dentalabteilung in Nzara. Er ist seit Jahren der einzige dauerhafte Zahnarzt der Klinik. Ngbamboligbe kam einst als Flüchtling aus dem Kongo in den Südsudan, lebte im Flüchtlingslager Makpandu und wurde dort zum Rückgrat der zahnmedizinischen Notversorgung in der Region. Reinartz kennt ihn vom Vorjahr. 2025 war der Stolberger Allgemeinzahnarzt zum ersten Mal hier, vermittelt durch einen befreundeten Entwicklungshelfer und auf Bitten der Deutschen Bischofskonferenz. Eine Frau hält sich die Wange. „Abszess“, sagt Reinartz, Ngbamboligbe nickt. Sofortbehandlung. Während Reinartz und Ngbamboligbe die Triage übernehmen, richtet sich im Behandlungsraum nebenan Schafigh mit dem kongolesischen Zahnarzt Joseph Kindosa ein: Auf rund zehn Quadratmetern gibt es zwei Behandlungsplätze, dazu örtliche Helfer zur Unterstützung. Der Fokus ist klar, sagt Schafigh: Zähne ziehen und Infektionen vorbeugen. 1 Zahnarzt auf 3,5 Millionen Einwohner Um zu verstehen, was der Einsatz der beiden deutschen Zahnärzte bedeutet, muss man eine Zahl kennen: Nach dem WHO Oral Health Country Profile sind im gesamten Südsudan lediglich drei bis fünf registrierte Zahnärzte gemeldet – bei einer Bevölkerung von rund zwölf Millionen Menschen. Das entspricht einem Versorgungsverhältnis von etwa 1:3.500.000. Zum Vergleich: In Deutschland liegt das Verhältnis bei rund 1:1.200. Die WHO empfiehlt für Entwicklungsländer ein Verhältnis von 1:7.500, selbst das wird im Südsudan um das Vierhundertfache verfehlt. In Western Equatoria ist die Lage noch dramatischer. Die zahnmedizinische Abteilung des „Yambio State Hospital“, des wichtigsten Krankenhauses der Region, ist laut NGO-Berichten regelmäßig wegen fehlender Fachkräfte und defekter Geräte nicht funktionsfähig. In der gesamten Provinz mit schätzungsweise 600.000 bis 800.000 EinDie beiden deutschen Zahnärzte behandeln nicht allein, sondern Seite an Seite mit den ansässigen Kollegen: Techniken zur Zahnfüllung werden beim gemeinsamen Behandeln direkt vermittelt – wie das korrekte Schleifen mit dem mitgebrachten Poliermotor. zm116 Nr. 12, 16.06.2026, (1026) Fotos: Paul-Philipp Braun / ppbraun.de Paul-Philipp Braun Freier Journalist und Fotograf Foto: Julia Bornkessel
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