GESELLSCHAFT | 73 wohnern gibt es keinen einzigen dauerhaft niedergelassenen, staatlichen Zahnarzt außerhalb von Nzara. Die nächste reguläre Behandlungsmöglichkeit nach dem St. Theresa Hospital: Juba, die Hauptstadt, rund zwölf Stunden Autofahrt entfernt oder eine Stunde mit dem Flugzeug, was sich die wenigsten leisten können. Südsudan, 2011 als weltweit jüngster Staat aus dem Sudan hervorgegangen, ist eines der ärmsten Länder der Welt. Rund 70 Prozent der Bevölkerung sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. In den Staatshaushalt fließen gerade einmal 1,3 Prozent für das gesamte Gesundheitswesen – und die Zahnmedizin spielt darin faktisch keine Rolle. Mehr als 100 Extraktionen täglich Was Reinartz und Schafigh in diesen Märztagen behandeln, spiegelt den Zustand einer Gesellschaft ohne präventive Zahnmedizin wider. Mehr als 100 Extraktionen täglich. Und das ist keine Ausnahme, sondern der Regelfall. Häufig sei nur noch die Wurzel im Kiefer übrig, berichtet Reinartz. Abszesse, fortgeschrittene Entzündungen, Infektionen, die längst hätten behandelt werden müssen. Die meisten Patienten kommen erst, wenn der Schmerz unerträglich geworden ist – nicht, weil sie sorglos wären, sondern weil es vorher schlicht keine Behandlungsmöglichkeit gab. Reinartz und Schafigh arbeiten für Secours Dentaire International, eine Organisation, die 1986 von Schweizer Zahnärzten gegründet wurde. Der Ansatz ist klar definiert und konsequent: keine reine Behandlungsmission, sondern Hilfe zur Selbsthilfe. SDI bildet aus, stellt Equipment bereit und begleitet lokale Strukturen über Jahre hinweg. Rund 50 Schweizer Zahnärzte und drei Kollegen aus Deutschland gehören heute dazu – darunter Reinartz, der seit Jahren regelmäßig auf den afrikanischen Kontinent reist. Vier Monate lebte und arbeitete er einmal gemeinsam mit seiner Frau in einem Dorf in Kamerun. Schafigh hat aus seiner Erfahrung mit Auslandseinsätzen sogar eine eigene Initiative gegründet: Dental EMT. Auf Chios unterhält die Organisation eine eigene Klinik, die das örtliche Flüchtlingscamp versorgt. Sie setzt sich dafür ein, zahnärztliche Hilfe in humanitären Kontexten zu strukturieren und zu professionalisieren – mit Blick auf Ausrüstung, Sicherheit und Einsatzplanung. Das ist auch die Hauptbotschaft der beiden Zahnärzte: Auslandseinsätze in Regionen wie Western Equatoria seien möglich und sinnvoll – aber nur im Rahmen einer etablierten Organisation. „Man sollte nur organisiert in solche Bereiche gehen“, sagt Reinartz. „Sicherheit ist nicht verhandelbar.“ Der Südsudan ist kein stabiles Land. Ethnische und politische Konflikte, Dürren und Überschwemmungen haben das Land in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder destabilisiert. Wer solo und unvorbereitet anreist, gefährde sich und schade im Zweifel auch den lokalen Strukturen, die man unterstützen möchte. Für die Unterstützung der Kollegen vor Ort gilt: Es ist keine formelle Fortbildungsveranstaltung, sondern Lernen am offenen Stuhl. „Es geht darum, dass die Versorgung auch nach unserer Abreise weitergeht“, stellt Reinartz klar. n zm116 Nr. 12, 16.06.2026, (1027) Endlich gibt es Hilfe! Vor der Zahnklinik des St. Theresa Hospital haben sich bereits mehr als 100 Menschen versammelt. Am Ende jedes Tages haben die beiden deutschen Zahnärzte unzählige Spritzen aufgezogen, der kleine Sterilisator in der Ecke des Behandlungsraums hat im Dauerbetrieb durchgehalten, nur der Akku der Stirnleuchte schwächelte. Zwischenzeitlich haben sie sogar im OP ausgeholfen und den örtlichen Chirurgen bei Kieferoperationen unterstützt. Beschädigte Zähne, Verletzungen im Kieferbereich: Reinartz fällt auf, dass viele Patientinnen Anzeichen häuslicher Gewalt aufweisen. Er spreche es an, aber er sei Zahnarzt, kein Sozialarbeiter, und behandle, was er behandeln kann.
RkJQdWJsaXNoZXIy MjMxMzg=