TITEL | 41 lungsprotokolls und die Wahl eines geeigneten Überkappungsmaterials. Besonders relevant ist die Empfehlung einer Pulpotomie auch bei klinischen Zeichen einer irreversiblen Pulpitis. Mehrere randomisierte Studien zeigen, dass partielle oder vollständige Pulpotomien bei korrekter Indikationsstellung vergleichbare klinische Ergebnisse wie Pulpektomien erzielen können. Die Leitlinie schlägt daher vor, die Pulpotomie als im Vergleich zur Wurzelkanalbehandlung weniger invasive Alternative zur Therapie irreversibler Pulpitis in Betracht zu ziehen. Die Umsetzung dieser Empfehlungen erfordert jedoch Erfahrung. Die Leitlinie betont ausdrücklich, dass der Erfolg vitaler Pulpatherapien an ein erweitertes Behandlungsprotokoll gebunden ist, das eine adäquate Isolation, Desinfektion und geeignete Materialien voraussetzt. Materialwahl Während viele Empfehlungen bewusst differenziert formuliert sind, ist die Materialempfehlung eindeutig: Hydraulische Kalziumsilikatzemente zeigen im Vergleich zu Kalziumhydroxid höhere Erfolgsraten sowohl bei direkter Pulpaüberkappung als auch bei Pulpotomien. Die Evidenz hierfür wird als moderat bewertet. Die Leitlinie erkennt an, dass diese Materialien mit höheren Kosten, einer möglichen Zahnverfärbung und einem anspruchsvolleren Handling verbunden sind. Dennoch überwiegt aus Sicht der Autoren der prognostische Vorteil, insbesondere im Hinblick auf den langfristigen Erhalt der Pulpa. Die Empfehlungen der Leitlinie sind in Tabelle 1 zusammengefasst. Klinische Einordnung Die Leitlinie liefert keinen dogmatischen Algorithmus, sondern einen evidenzbasierten Entscheidungsspielraum. Sie macht zugleich deutlich, dass nicht jede Praxis umgehend alle empfohlenen Verfahren gleichermaßen umsetzen kann. Maßgeblich ist, dass therapeutische Entscheidungen bewusst, informiert und patientenzentriert getroffen werden. Zudem benennt die Leitlinie klar einzelne Forschungslücken, insbesondere hinsichtlich extrem tiefer Karies. Fazit Die neue europäische S3-Leitlinie zum Management tiefer Karies stärkt minimalinvasive Strategien, relativiert traditionelle Routinen und eröffnet neue Perspektiven für den Erhalt der Pulpa – auch in fortgeschrittenen Läsionen. Für die Praxis bedeutet dies eine biologisch fundierte Erweiterung des therapeutischen Handlungsspielraums. n zm116 Nr. 13-14, 16.07.2026, (1091) ZENTRALE EMPFEHLUNGEN DER S3-LEITLINIE Nr. Klinische Situation Empfehlung der Leitliniengruppe Empfehlungsstärke 1 Tiefe Karies, vitale Pulpa Wir schlagen eine selektive Kariesentfernung gegenüber einer nicht-selektiven Entfernung bis hartes Dentin vor. B ( ) 2 Tiefe Karies, vitale Pulpa Wir schlagen eine schrittweise Kariesentfernung gegenüber einer nicht-selektiven Entfernung bis hartes Dentin vor. B ( ) 3 Tiefe Karies, vitale Pulpa Selektive oder schrittweise Exkavation reduziert das Risiko einer Pulpaexposition. Statement 4 Extrem tiefe Karies Das Risiko einer Pulpaexposition ist erhöht und sollte antizipiert werden. Konsens 5 Tiefe Karies, nach Exkavation Wir schlagen vor, Unterfüllungen oder Liner nicht routinemäßig anzuwenden. B ( ) 6 Pulpaexposition, reversible Pulpitis Wir schlagen direkte Pulpaüberkappung oder partielle/vollständige Pulpotomie vor. B ( ) 7 Pulpaexposition Wir schlagen ein erweitertes Behandlungsprotokoll vor (Kofferdam, Desinfektion, Vergrößerung). Konsens 8 Pulpaexposition, irreversible Pulpitis Wir schlagen partielle oder vollständige Pulpotomie als Alternative zur Pulpektomie vor. B ( ) 9 Pulpaexposition Partielle und vollständige Pulpotomie zeigen vergleichbare Ergebnisse. Statement 10 Pulpaexposition Pulpotomien scheinen ebenso effektiv wie Pulpektomien zu sein. Statement 11 Direkte Pulpaüberkappung Wir schlagen hydraulische Kalziumsilikatzemente statt Kalziumhydroxid vor. B ( ) 12 Pulpotomie Wir schlagen hydraulische Kalziumsilikatzemente statt Kalziumhydroxid vor. B ( ) 13 Übergreifend Umsetzung erfordert patientenzentrierte Entscheidungsfindung und Berücksichtigung praktischer Faktoren. Statement Tab. 1 Quelle: Schwendicke et al.
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