72 | GESELLSCHAFT DR. FRANK WÜRFEL ÜBER DIE HILFE NACH DEM HILFSEINSATZ „Ich beschloss spontan, Kokou bei seiner Behandlung finanziell zu unterstützen“ Bei ihrem Einsatz für „Zahnärzte ohne Grenzen“ in Togo lernten Frank und Theresa Würfel im Herbst 2023 Kokou Amegavi kennen. Seitdem haben Vater und Tochter das Leben des damals 33-Jährigen grundlegend gedreht. Im Interview verrät der Zahnarzt, wie das gelang. Herr Dr. Würfel, im Herbst 2023 begegneten Sie Kokou Amegavi. Wie stellte sich die Situation des Patienten dar? Dr. Frank Würfel: In der zweiten Woche meines Arbeitseinsatzes in Togo waren wir in Aného und arbeiteten dort im Krankenhaus. Gleich am Montag stellte sich neben vielen anderen ein junger Mann vor. Er hatte eine Schwellung im rechten Unterkiefer, die sich relativ schnell als submuköser Abszess darstellte. Wir machten das, was wir in solchen Fällen immer tun: Wir gaben ihm eine Spritze, inzidierten den Abszess, setzten ein Antibiotikum an und bestellten ihn für den übernächsten Tag wieder ein, um zu sehen, ob die Behandlung anschlägt. Gleichzeitig planten wir, den Zahn, den ich als ursächlich ansah, noch zu ziehen, bevor wir Aného verlassen würden. Am nächsten Tag kam der junge Mann – trotz deutlicher Besserung seines Befunds – erneut in die Klinik. Er zeigte mir ein Röntgenbild, ein OPG, das im Jahr zuvor in einer anderen Klinik in Lomé, der Hauptstadt, angefertigt worden war. Dieses Bild verunsicherte mich sehr. Ich war nicht sicher, ob es sich um ein großes Artefakt oder um einen tatsächlichen Befund im Unterkieferbereich handelte, wie ich ihn in dieser Form noch nie gesehen hatte. Deshalb schickte ich ihn noch am selben Tag in die Universitätsklinik zurück, mit der Bitte, ein neues OPG anfertigen zu lassen. Ich gab ihm etwas Geld mit, damit er die Untersuchung bezahlen konnte. Am Mittwoch erschien er wie vereinbart erneut und brachte das aktuelle Bild mit. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich beim Anblick sehr erschrocken war. Normalerweise hätte ich ihm an diesem Tag den Zahn gezogen – auch ohne Röntgenbild. Zähne ohne vorherige Bildgebung zu entfernen, ist bei solchen Einsätzen ganz normal, einfach, weil keine Röntgendiagnostik verfügbar ist. Doch auf diesem Röntgenbild war zu erkennen, dass der Zahn, den ich als Ursache vermutete und entfernen wollte, gar nicht die Ursache des Abszesses war. Vor allem aber war zu erkennen, dass der Unterkiefer lediglich eine Restknochenspange von vielleicht drei bis vier Millimetern Höhe war. Die Gefahr, bei einer chirurgischen Intervention einen Kieferbruch auszulösen, war also nicht zu unterschätzen. Dementsprechend verwarf ich meine ursprüngliche Extraktionsplanung. In den verbleibenden Tagen suchte ich nach einer Möglichkeit, dem Patienten dennoch zu helfen. Der einzige sinnvolle Weg schien zu sein, ihn erneut an die Universitätsklinik zu überweisen. Dort arbeitete ein Professor für Kieferchirurgie – der führende Spezialist auf diesem Gebiet in Togo, wie ich später erfahren sollte. Ich beschloss spontan, den jungen Mann bei seiner Behandlung finanziell zu unterstützen. Damit begann die Geschichte von Kokou in Togo. Warum war eine adäquate Versorgung vor Ort nicht möglich? In der Tat dachte ich am Anfang, es wäre relativ unkompliziert, Kokou eine adäquate Versorgung in Togo zuteilwerden zu lassen. Ich müsse ihn nur finanziell unterstützen, da jede medizinische Behandlung in diesem Land von den Patienten selbst bezahlt wird. Allerdings stellte ich in den ersten Wochen nach meiner Rückkehr fest, Im Mai berichteten wir, wie Dr. Frank Würfel und seine Tochter Theresa Kokou Amegavi beim Hilfseinsatz kennengelernt haben – und sein Leben veränderten. Hier erzählt der Zahnarzt, was seitdem geschah. zm116 Nr. 13-14, 16.07.2026, (1122) ZMONLINE
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