Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 15-16

22 | ZAHNMEDIZIN MERKE: Ein Screening ist nur dann sinnvoll, wenn es zu einer klaren, evidenzbasierten Konsequenz führt. Für die unselektierte Implantatpatientin oder den unselektierten Implantatpatienten ist diese Konsequenz derzeit nicht belegt [DGI und DGZMK, 2025a]. Warum keine ungezielte Supplementierung? Unabhängig von einer allgemeinmedizinisch und onkologisch empfohlenen, täglichen und niedrig dosierten Vitamin-D-Supplementierung [Kuznia et al., 2023] soll eine ungezielte Supplementierung mit ausschließlichem Bezug auf Implantationen und Augmentationen unterbleiben, weil der Nutzen in der breiten ImplantatpatientenPopulation nicht nachgewiesen ist und potenzielle Schäden, insbesondere bei Überdosierung, nicht vernachlässigt werden dürfen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung weist in seinen Stellungnahmen wiederholt auf die Risiken hoher Zufuhrmengen hin, vor allem wenn eine Einnahme ohne medizinische Kontrolle erfolgt [BfR, 2024]. Zudem wird der periimplantäre Kontext komplexer: Eine retrospektive FallKontroll-Studie fand eine Assoziation zwischen sehr hohen Vitamin-D-Spiegeln und ungünstigen Implantatoutcomes, darunter periimplantärer Knochenabbau und Implantatverlust. Auch wenn solche Beobachtungsdaten keine Kausalität belegen, stützen sie die leitlinienbasierte Forderung, die Supplementierung nicht als „harmlosen Standard“ zu verstehen [Cheng et al., 2024]. Wann ist eine individualisierte Bestimmung sinnvoll? Die Leitlinie öffnet die Tür für eine gezielte Diagnostik in Situationen, in denen entweder ein Mangel wahrscheinlich ist oder ein atypischer klinischer Verlauf eine Abklärung plausibel macht. Praktisch betrifft das vor allem folgende Konstellationen: n Patientinnen und Patienten mit anamnestischen Hinweisen auf einen Mangel oder mit bereits dokumentierter Defizienz. Dazu zählen eingeschränkte Sonnenexposition, Malabsorptionssyndrome, chronische Nierenerkrankung, Osteoporose, bestimmte medikamentöse Therapien sowie Ernährungsformen mit niedriger Vitamin-D-Zufuhr. In solchen Fällen kann eine Bestimmung helfen, eine relevante Begleitvariable zu identifizieren und interdisziplinär zu adressieren [DGI und DGZMK, 2025a; Institute of Medicine, 2011]. n Implantatfrühverlust unklarer Ursache. Ein früher Verlust innerhalb der ersten Monate ist selten monokausal. Eine Abklärung potenziell beeinflussbarer systemischer Faktoren kann im Einzelfall sinnvoll sein. Die Leitlinie nennt Vitamin D als möglichen Baustein einer differenzialdiagnostischen Betrachtung, ohne ihn als primären Erklärungsfaktor zu erklären [DGI und DGZMK, 2025a; Mangano et al., 2016]. MERKE: Die leitlinienkonforme Indikation ist nicht „Implantation“, sondern „klinische Konstellation“. Vitamin D wird dann relevant, wenn Anamnese, Komorbidität oder Verlauf eine gezielte Abklärung plausibel machen [DGI und DGZMK, 2025a]. Was präoperativ tun bei niedrigem Spiegel? Die Leitlinie formuliert eine offene,evidenzbasierte Empfehlung: Bei niedrigem Vitamin-D-Spiegel kann eine präoperative Supplementierung erwogen werden, um postoperative Schwellung und Entzündungsparameter nach Operationen am Kieferknochen zu reduzieren [DGI und DGZMK, 2025a]. Hier ist entscheidend, dass die Zielgröße nicht „Implantatüberleben“, sondern ein kurzfristiger, patientenrelevanter Endpunkt der postoperativen Morbidität ist. Die Evidenz wird in der Leitlinie als begrenzt, aber hinreichend konsistent für eine Kann-Empfehlung bewertet. Aus praktischer Sicht heißt das: Die Entscheidung ist individuell und sollte den Ausgangswert, das Risikoprofil,den Eingriffsumfang und die Möglichkeit einer Verlaufskontrolle berücksichtigen [DGI und DGZMK, 2025a]. Warum keine genetische Diagnostik des Rezeptors? Die Leitlinie spricht sich gegen die präimplantologische Diagnostik von Vitamin-D-Rezeptorpolymorphismen aus. Die vorliegenden Studien liefern keinen belastbaren klinischen Nutzen, und die genetische Testung würde einen zusätzlichen diagnostischen und ethischen Aufwand erzeugen, ohne dass daraus derzeit evidenzbasierte therapeutische Konsequenzen ableitbar sind [Alvim-Pereira et al., 2008; Pereira et al., 2019; DGI und DGZMK, 2025a]. zm116 Nr. 15-16, 16.08.2026, (1168) Dr. med. dent. Moritz B. Schlenz Fachzahnarzt für Oralchirurgie Praxis für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie PD Dr. Dr. Heinz-Theo Lübbers Archstr. 12, 8400 Winterthur, Zürich, Schweiz schlenz@luebbers.ch Foto: Moritz Schlenz Dr. med. dent. Joscha G. Werny Klinik und Poliklinik für Mund-, Kieferund Gesichtschirurgie – Plastische Operationen der Universitätsmedizin Mainz Augustusplatz 2, 55131 Mainz joscha.werny@unimedizin-mainz.de Foto: WWW.EVENTFOTOGRAFEN.CH Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Knut A. Grötz Direktor der Klinik für Mund-KieferGesichtschirurgie der Helios Dr.-HorstSchmidt-Kliniken und Praxisklinik für MKG in der Burgstrasse Burgstr. 2–4 , 65183 Wiesbaden groetz@emaileins.de Foto: Helios Dr. Horst Schmidt Kliniken Wiesbaden

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