Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 15-16

ZAHNMEDIZIN | 23 Praxisorientierte Umsetzung Für die tägliche Praxis ergibt sich aus der Leitlinie ein pragmatischer Dreischritt: n Keine Routinetestung und keine ungezielte Supplementierung allein wegen einer geplanten Implantation oder Augmentation [DGI und DGZMK, 2025a]. n Gezielte Anamnese zu Risikofaktoren und klinischen Hinweisen auf Vitamin-D-Defizienz. Bei plausibler Indikation Bestimmung von 25(OH) D mittels qualitätsgesichertem Labor oder qualitätsgesichertem Chairside-Test [DGI und DGZMK, 2025a]. n Bei nachgewiesenem Mangel interdisziplinäre Einbettung der Therapie. Die Leitlinie betont die Notwendigkeit ärztlicher Begleitung, insbesondere bei höher dosierter Gabe und empfiehlt Verlaufskontrollen unter Supplementierung [DGI und DGZMK, 2025a]. Schlussfolgerung und Ausblick Die S3-Leitlinie schafft Klarheit in einem Themenfeld, das durch hohe biologische Plausibilität, aber uneinheitliche klinische Evidenz geprägt ist. Für die Implantologie bedeutet das: Vitamin D ist ein potenziell relevanter Kofaktor, aber kein genereller Steuerungsparameter für die Implantatprognose. Der zentrale Fortschritt ist die klare Trennung zwischen Routine und Individualisierung. Routinemäßige Bestimmung und Supplementierung werden abgelehnt, weil der patientenrelevante Nutzen nicht belegt ist und weil Überversorgung reale Risiken birgt. Gleichzeitig wird ein klinisch sinnvoller Raum für gezielte Diagnostik bei plausibler Indikation definiert [DGI und DGZMK, 2025a]. Seit Abschluss der Leitlinienrecherche sind mehrere Studien erschienen, die für zukünftige Updates relevant sein könnten. Beobachtungsstudien berichten teils deutliche Unterschiede in Frühverlustraten bei sehr niedrigen Ausgangswerten, während andere Arbeiten Zusammenhänge zwischen Vitamin-D-Status, periimplantärer Knochenhomöostase und immunologischen Markern untersuchen [Mohsen et al., 2024; Toy et al., 2025]. Einige dieser Arbeiten sprechen eher für eine Eingrenzung möglicher Indikationen als für eine Ausweitung. So fand eine auf digitaler Volumentomografie(DVT) basierende Querschnittstudie keinen Zusammenhang zwischen 25(OH) D-Serumspiegel und Kieferknochendichte bei Implantatpatienten, was die Eignung von Vitamin D als alleinigen „Knochenqualitätsmarker“ im präimplantologischen Setting relativiert [Mesgarzadeh et al., 2025]. Demgegenüber deuten retrospektive Daten darauf hin, dass der Vitamin-DStatus in Kombination mit lokalen Faktoren, etwa der Weichgewebsdicke, mit dem Knochenerhalt am Implantathals zusammenhängen könnte [DulinskaLitewka et al., 2025]. Auch die Evidenz zur Implantatstabilität entwickelt sich weiter, bleibt aber heterogen: Eine klinische Studie mit Resonanzfrequenzanalyse berichtete bei Vitamin-D-Defizienz niedrigere Stabilitätswerte, ohne dass daraus bereits eine routinemäßige therapeutische Konsequenz ableitbar wäre [Toy und Sabancı,2024]. Eine kleine randomisierte Studie fand höhere Stabilitätswerte unter Supplementierung. Aufgrund begrenzter Methodik und kurzer Nachbeobachtung ist sie derzeit eher als hypothesengenerierend zu werten [Singh et al., 2025]. Besonders interessant sind neue randomisierte Daten zur lokalen, topischen Vitamin-D-Applikation bei Sofortimplantationen. In einer randomisierten klinischen Studie zeigte die adjuvante Anwendung eines topischen VitaminD-Präparats positive Effekte auf Parameter der Weich- und Hartgewebsheilung. Solche Ansätze könnten perspektivisch eine andere Risikobilanz haben als hochdosierte systemische Strategien, benötigen aber unabhängige Replikation und standardisierte Endpunkte [Ayyad et al., 2025]. Für die Forschung zeichnen sich zwei Schwerpunkte ab: Erstens die Definition klinisch relevanter Subgruppen, in denen ein niedriger Vitamin-D-Spiegel tatsächlich prognostische oder therapeutische Konsequenzen hat. Zweitens die konsequente Prüfung von Nutzen und Schaden, einschließlich des Risikos einer Überversorgung, in methodisch hochwertigen, multizentrischen Studien [DGI und DGZMK, 2025b; Demay et al., 2024]. Bis dahin gilt: Wer leitlinienkonform handelt, schützt Patientinnen und Patienten vor unnötigen Screenings und vor ungezielter Supplementierung, ohne sinnvolle individuelle Abklärungen zu verhindern. n Der Beitrag basiert auf der AWMF S3Leitlinie 083-055 (Stand August 2025, gültig bis August 2030). zm116 Nr. 15-16, 16.08.2026, (1169) Sammeln von Kapillarblut für Vitamin-DSchnelltest Foto: Moritz Schlenz Applikation des Gemischs aus Kapillarblut und Testflüssigkeit auf den Vitamin-D-Schnelltest Foto: Moritz Schlenz

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