ZAHNMEDIZIN | 37 mit durchschnittlich einem zusätzlichen Zahn moderat ausfällt. Diese Morbiditätsdynamik bei der Kronenkaries nimmt dann im weiteren Verlauf wiederab. Wesentliche Parodontitisprogression bei Erwachsenen Neben der Karies ist die Parodontitis die epidemiologisch bedeutsamste chronische Erkrankung der Mundhöhle. Wir hatten bereits über die hohe Verbreitung in der Bevölkerung berichtet. Wir gehen davon aus, dass 14 Millionen Menschen in Deutschland an einer schweren Parodontalerkrankung leiden. Meist werden lange Phasen der Stagnation, in denen Parodontitis gut kontrolliert werden kann, durch kurzzeitige Episoden der Progression mit einer hohen Erkrankungsaktivität unterbrochen und es kommt zu einem raschen Fortschreiten der Erkrankung. Den grundsätzlich langsamen, chronischen Verlauf der Parodontitis erkennen wir beispielsweise daran, dass die mittlere Tiefe der Zahnfleischtaschen bei Erwachsenen in 9 Jahren lediglich um 0,2 mm und bei Senioren sogar nur um 0,1 mm zunimmt. – Im Erwachsenenalter erkranken allerdings 63 Prozent vormals parodontal gesunde Menschen neu und bei 19 Prozent verschlechtert sich eine bereits bestehende Parodontitis in eine schwere Verlaufsform. In dieser Zeit kommt es zu einer Verdopplung der schweren Parodontitisfälle. Eine entscheidende parodontale Erkrankungsprogression findet also im mittleren Erwachsenenalter, zwischen 40 und 50 Jahren, statt – und nicht erst im Seniorenalter. Aber im Seniorenalter werden zurzeit die meisten Parodontitisbehandlungen durchgeführt – zu spät also! Sozialer Gradient bei chronischen Erkrankungen Karies ist nach der Global Burden of Disease Study die weltweit häufigste chronische Erkrankung; Parodontitis liegt auf Rang 6. Sie gehören mit weiteren chronischen Krankheiten – wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes – zu den lebensstilabhängigen und damit grundsätzlich vermeidbaren Erkrankungen der Menschheit. Aufgrund dieser Gemeinsamkeiten überrascht es nicht, dass sie sich auch untereinander bedingen. Denn sie weisen gemeinsame Risikofaktoren auf. Die am komplex wirkenden sind die Ernährung (insbesondere Zuckerkonsum) sowie Rauchen und Alkohol. Auf die Zusammenhänge von Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit den chronischen Erkrankungen der Zähne und der Mundhöhle hatten wir bereits hingewiesen: Menschen mit kardiovaskulären Erkrankungen weisen häufiger schwere parodontale Erkrankungen auf; sie sind häufiger zahnlos und ihnen fehlen durchschnittlich zwei Zähne mehr. Sie besitzen dementsprechend weniger funktionstüchtige Zähne. Die Zusammenhänge zu Typ-2-Diabetes sind noch deutlicher: In allen Bereichen, bei der Karies, der Parodontitis, den fehlenden Zähnen, haben Menschen mit Diabetes eine schlechtere Mundgesundheit. Sie sind 4-mal so häufig zahnlos. Gleichzeitig gehen sie bei Beschwerden fast doppelt so häufig in die zahnärztliche Praxis – statt regelmäßig zur Vorsorge. Hier zeichnet sich genauso ein spezialisierter Präventionsbedarf ab wie die Notwendigkeit der interprofessionellen Zusammenarbeit und Überwindung von Sektorengrenzen in der gemeinsamen medizinischen Versorgung. Präventionsexpansion und Morbiditätskompression Die Erfolge der systematisch ab dem Milchgebiss einsetzenden Kariesprävention reichen mittlerweile bis in das Erwachsenenalter und man kann zm116 Nr. 15-16, 16.08.2026, (1183) Abb. 1: Entwicklung zahnmedizinischer Behandlungsbedarfe bei jüngeren Erwachsenen Foto: IDZ Die Themen Karies, Restaurationen, Parodontitis und Systemerkrankungen wurden in der DMS • 6 näher untersucht.
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