Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 15-16

zm116 Nr. 15-16, 16.08.2026, (1184) 38 | ZAHNMEDIZIN diese Entwicklung als Präventionsexpansion bezeichnen. Gleichzeitig stellt sich am Ende des Lebensbogens eine Morbiditätskompression bei wichtigen Parametern der Mundgesundheit dar. Präventionsexpansion und Morbiditätskompression sind also zwei Seiten einer Medaille. Morbiditätskompression bedeutet aber auch eine Verschiebung des Versorgungsbedarfs ins höhere Lebensalter. Allein seit 1989 haben sich die zahnmedizinischen Behandlungsbedarfe im Seniorenalter mehr als verdoppelt. Infolge des stark zugenommenen Zahnerhalts hat sich der totale Zahnverlust bei jüngeren Senioren in den letzten 35 Jahren auf ein Viertel, von 24 Prozent auf 5 Prozent, reduziert und so hat sich der Bedarf an zahnärztlicher Prothetik entsprechend verändert. Mehr Zähne im Alter bedeuten aber gleichzeitig mehr Zähne im Risiko für zahnmedizinische Erkrankungen. Und so steigt der Behandlungsbedarf im Alter, sowohl in der Zahnerhaltung als auch bei der Parodontitis, kontinuierlichan. Zusammenfassung 1. Die bisherigen Ergebnisse der 6. Deutschen Mundgesundheitsstudie haben eine weitere Ausbreitung der Präventionserfolge bei Karies und Zahnverlusten bis ins Erwachsenenalter gezeigt. Sie bewirken eine Präventionsexpansion in der ersten und eine Morbiditätskompression in der zweiten Lebenshälfte und führen zu deutlich steigenden zahnmedizinischen Versorgungsbedarfen im Alter. 2. Gleichzeitig weisen die chronischen, lebensstilabhängigen Erkrankungen einen sozialen Gradienten auf. Die Risikogruppen können wir mittlerweile gut charakterisieren, ebenso wie günstiges Mundgesundheits- und Hygieneverhalten. Für diese Bevölkerungsgruppen müssen wirksamere Präventionsstrategien entwickelt und zur Wirkung gebracht werden. 3. Die Kariesaktivität nimmt während der Adoleszenz wieder zu. Die Unterstützung zur Aufrechterhaltung einer wirksamen Mundhygiene und eines entsprechenden Mundgesundheitsverhaltens in dieser Zeit sollte einen entsprechenden Stellenwert im Rahmen der zahnärztlichen Prophylaxe erhalten. 4. Die größte sozialmedizinische Aufgabe besteht in einer nachhaltigen Senkung der hohen parodontalen Erkrankungslasten. Unsere Erfahrungen aus der Kariesprävention zeigen dazu den Weg auf: Erstens muss die Behandlung der bestehenden (14 Millionen schweren) Erkrankungsfälle intensiviert werden, um die aktuellen Erkrankungslasten zu senken. Dies ist quasi Aufgabe der Tertiärprävention. Wir haben auch gesehen, dass – bevölkerungsweit – eine hohe parodontale Erkrankungsaktivität bereits im Erwachsenenalter stattfindet, sodass wir dahin kommen müssen, Parodontitis frühzeitig zu behandeln – und zwar bevor die Erkrankung in ein schweres Stadium übergeht: durch Früherkennung (Screening) und Frühbehandlung. Das ist die Aufgabe der Sekundärprävention. Langfristig entscheidend ist allerdings eine nachhaltige Senkung neuer Erkrankungsfälle, also der Inzidenzen. Bei der Karies wurde dieses Ziel unter anderem mit der Sensibilisierung in der Gruppen- und Individualprophylaxe erreicht. Die grundsätzlichen Strukturen sind etabliert. Ich halte die Vermittlung parodontitisrelevanter Kenntnisse und Mundhygienefertigkeiten mit der Entwicklung des bleibenden Gebisses für ganz wichtig, gemäß dem Sprichwort: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Das wäre dann Aufgabe der primären Prävention. Mit einer deutlichen Senkung der parodontalen Erkrankungslasten können wir weiterhin den lebenslangen Zahnerhalt fördern und tragen als Zahnmediziner zur allgemeinen Gesundheitsförderung der Bevölkerung bei, denn wie der berühmte finnische Epidemiologe und Parodontologe Jukka Ainamo schon sagte: The dentition is intended to last a lifetime. n Abb. 2: Entwicklung zahnmedizinischer Behandlungsbedarfe bei jüngeren Senioren Foto: IDZ DMS • 6 EN DÉTAIL Alle Informationen und Erkenntnisse der Sechsten Deutschen Mundgesundheitsstudie in fünf Beiträgen: n zm 10/2026: Karies n zm 11/2026: Restaurationen n zm 12/2026: Parodontitis n zm 13-14/2026: Systemerkrankungen n zm 15-16/2026: Fazit – Bedeutung der Ergebnisse für die Versorgung

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