40 | ZAHNMEDIZIN Zahnbehandlungsangst ist eine relevante Zugangsbarriere zur zahnärztlichen Versorgung: Sie führt nicht selten zu Vermeidungsverhalten, erhöhtem Stress und in der Folge zu einer Verschlechterung der Mundgesundheit. Pharmakologische Ansätze wie Benzodiazepine können bei ausgeprägter Furcht wirksam sein, sind aber wegen ihrer Nebenwirkungen und Kontraindikationen nicht uneingeschränkt empfehlenswert. Entsprechend hat sich das Interesse der Forschung zunehmend auf nichtpharmakologische Verfahren verlagert – Musik, geführte Imagination, virtuelle Realität, audiovisuelle Ablenkung oder strukturierte Patientenaufklärung –, die eine Angstreduktion ohne medikamentöse Sedierung anstreben. Die Evidenz ist jedoch verstreut und uneinheitlich und es fehlen direkte Vergleichsstudien, die klären könnten, welches Verfahren das wirksamste ist. Die Autoren begründen ihre Arbeit daher mit dem Bedarf, die Befunde speziell für den Kontext der Zahnextraktion zu bündeln und kritisch zu bewerten. Materialien und Methoden Für die Übersichtsarbeit wurde primär in MEDLINE/PubMed im Zeitraum vom 18. September 2014 bis zum 18. September 2024 recherchiert, ergänzt durch eine supplementäre Suche in ScienceDirect zur Verringerung des Retrieval-Bias. Eingeschlossen wurden ausschließlich randomisierte kontrollierte Studien (RCT) an Erwachsenen (≥ 18 Jahre), die sich einer Zahnextraktion unterzogen und bei denen eine nichtpharmakologische Intervention gegen die Standardversorgung oder keine Intervention geprüft wurde; Voraussetzung war die Erfassung der Angst über validierte psychologische Instrumente (etwa MDAS, STAI, VAS) oder physiologische Parameter (Herzfrequenz, Blutdruck, Speichelkortisol). Ausgeschlossen wurden pädiatrische Kollektive, Patienten mit kognitiven oder psychiatrischen Einschränkungen, schweren systemischen Erkrankungen sowie Studien mit pharmakologischer Sedierung als primärer Intervention. Von ursprünglich 3.857 Datensätzen verblieben nach Sichtung 25 RCT. In der Risikobewertung mittels Cochrane RoB 2.0 wurden 21 Studien als „niedriges Risiko“ und vier als „einige Bedenken“ eingestuft; keine Studie wies ein hohes Gesamtrisiko auf. Wegen der ausgeprägten Heterogenität von Protokollen und Endpunkten erfolgte keine Metaanalyse; die Daten wurden narrativ nach Interventionskategorien zusammengefasst und die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz mittels GRADE bewertet. Ergebnisse Über die 25 RCT hinweg berichtete die Mehrzahl der Studien günstige Effekte auf den psychoemotionalen Status. Am breitesten untersucht waren Musikbasierte Interventionen (elf Studien), die in unterschiedlichster Form (von klassischer Musik über binaurale Beats und 432-Hz-Musik bis zu patientengewählten Stücken) durchgängig Reduktionen der Angstscores (MDAS, STAI, VAS) sowie teils der physiologischen Stressmarker (Herzfrequenz, Speichelkortisol) zeigten. Mit moderater Vertrauenswürdigkeit war dies die am besten belegte Kategorie. Verfahren der virtuellen Realität oder der immersiven Ablenkung (drei Studien) senkten die intraoperative Angst und verbesserten den Patientenkomfort, mit einer Verschiebung der Herzratenvariabilität in Richtung parasympathischer Aktivität. Entspannungsund Atemtechniken sowie Aromatherapien (vor allem Lavendel) erwiesen sich als kostengünstige, leicht umsetzbare Optionen mit Hinweisen auf eine Angstminderung, allerdings auf dünnerer Studienbasis. Die Akupunktur und verwandte Techniken zeigten messbare physiologische Effekte, während die eigentlichen Angstendpunkte nicht konsistent signifikantausfielen. zm116 Nr. 15-16, 16.08.2026, (1186) AUS DER WISSENSCHAFT Nicht-pharmakologische Methoden zur Angstreduktion bei Zahnextraktionen Peer W. Kämmerer Zahnbehandlungsangst bei Extraktionen wird traditionell pharmakologisch adressiert, etwa durch Sedierung oder Anxiolytika, was jedoch mit Nebenwirkungen und Kontraindikationen verbunden ist. Eine litauische Arbeitsgruppe umMažutė et al. verfolgte daher das Ziel, die Evidenz zu nicht-pharmakologischen Verfahren bei erwachsenen Extraktionspatienten systematisch zusammenzufassen und daraus eine praxisnahe Orientierung für die klinische Anwendung abzuleiten. Univ.-Prof. Dr. Dr. Peer W. Kämmerer, MA, FEBOMFS Leitender Oberarzt/ Stellvertr. Klinikdirektor Klinik und Poliklinik für Mund-, Kieferund Gesichtschirurgie – Plastische Operationen, Universitätsmedizin Mainz Augustusplatz 2, 55131 Mainz Foto: Kämmerer
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