Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 15-16

ZAHNMEDIZIN | 41 Klinisch besonders aufschlussreich ist die Kategorie der informationsbasierten und audiovisuellen Maßnahmen (sieben Studien) mit gemischten Ergebnissen: Während manche Aufklärungsformate die Angst senkten, steigerten detaillierte chirurgische Videos und sehr umfangreiches präoperatives Informationsmaterial die antizipatorische Angst, insbesondere bei Patienten mit einem zu Beginn hohen Angstniveau. Format, Zeitpunkt und Individualisierung der Aufklärung erwiesen sich damit als entscheidende Stellgrößen. Insgesamt reichte die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz nach GRADE von niedrig bis moderat, wobei nur die Musik-basierten Verfahren eine moderate Einstufung erreichten. Diskussion Die Arbeit von Mažutė et al. ist keine Wirksamkeitsanalyse einer einzelnen Methode, sondern eine breit angelegte Kartierung des aktuellen Wissensstands, fokussiert auf einen Eingriff, der in nahezu jeder Praxis zum Alltag gehört. Genau darin liegt ihr praktischer Wert: Sie adressiert ein allgegenwärtiges Problem mit überwiegend kostengünstigen, risikoarmen und leicht implementierbaren Maßnahmen, allen voran Musik und geführte Atmung. Der für die Praxis lehrreichste Befund ist zugleich der kontraintuitivste: Mehr Information ist nicht automatisch besser. Detaillierte Demonstrationen des Eingriffs können bei ängstlichen Patienten die Anspannung erhöhen, so dass Umfang und Form der Aufklärung dem individuellen Patienten angepasst werden sollten. Die Autoren plädieren konsequenterweise für ein abgestuftes, patientenzentriertes Vorgehen, einfache Maßnahmen wie Hintergrundmusik oder Atemübungen für viele Patienten, immersive oder strukturierte Verfahren (virtuelle Realität, kognitivverhaltensbezogene Ansätze) für stärkerBetroffene. Bei der Bewertung ist Zurückhaltung angebracht. Die Recherche stützte sich im Kern auf eine einzige Datenbank, die ausgeprägte Heterogenität der Literatur schloss eine Metaanalyse aus, viele Studien waren klein, und eine Verblindung ist bei diesen Interventionen naturgemäß schwierig (Risiko von Performance- und Detektionsbias). Langzeitdaten zur Dauerhaftigkeit der Angstreduktion fehlen weitgehend und die GRADE-Vertrauenswürdigkeit bleibt überwiegend niedrig. Die Quintessenz für die Praxis ist daher maßvoll, aber belastbar: Nicht-pharmakologische Verfahren ersetzen keine indizierte Sedierung, sie sind jedoch wertvolle Begleitmaßnahmen, die das Behandlungserlebnis bei geringem Aufwand und Risiko verbessern können, vorausgesetzt, sie werden individuell ausgewählt und nicht schematisch angewandt. n Die Studie: Mažutė B.,Astramskaitė-Januševičienė I.,Juodžbalys G. et al.: Methods used in adult dental extraction patients to improve psychoemotional status: systematic review. BMC Oral Health(2026). https://doi. org/10.1186/s12903-026-08209-6. zm116 Nr. 15-16, 16.08.2026, (1187) Die Musikintervention zeigte sich in der vorliegenden Übersichtsarbeit als eine der am besten belegten und zugleich einfachsten Angst-reduzierenden Maßnahmen. Fotos: motionshooter – stock.adobe.com, AIDIN – stock.adobe.com AUS DER WISSENSCHAFT In dieser Rubrik berichten die Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats der zm regelmäßig über interessante wissenschaftliche Studien und aktuelle Fragestellungen aus der nationalen und internationalen Forschung. Die wissenschaftliche Beirat der zm besteht aus folgenden Mitgliedern: Univ.-Prof. (a.D.) Dr. Elmar Hellwig, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (bis 31.12.2023) Univ.-Prof. Dr. Dr. Søren Jepsen, Universität Bonn Univ.-Prof. Dr. Florian Beuer, Charité – Universitätsmedizin Berlin Univ.-Prof. Dr. Dr. Peer W. Kämmerer, Universitätsmedizin Mainz

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