46 | ZAHNMEDIZIN präparat nicht unerwähnt bleiben, die unabhängig vom Alter oder Geschlecht des Patienten auftreten können [Gresser, 2002; Chen et al., 2025]. Insgesamt weisen die Kombinationspräparate mit Betalaktamasehemmern gegenüber Amoxicillin als Einzelwirkstoff eine mehr als dreifach höhere Nebenwirkungsrate auf [Thornhill et al., 2019]. Um Betalaktamantibiotika im klinischen Alltag möglichst häufigund sicher anwenden zu können, ist eine rasche und praxistaugliche Differenzierung zwischen Patienten mit einer vermeintlichen oder einer echten Penicillinallergie äußerst wichtig [Querbach et al., 2024; Halling und Kronenberger, 2025]. Zur besseren Risikoeinschätzung und zur Vermeidung unnötiger Alternativbehandlungen hat sich der PEN-FASTScore als valider Bewertungsmaßstab etabliert. Der negative prädiktive Wert, das heißt es liegt keine Penicillinallergie vor, liegt bei 96,3 Prozent [Trubiano et al., 2020]. Eine anamnestische Überempfindlichkeit auf Penicilline sollte immer kritisch hinterfragt werden [Querbach et al., 2024]. Clindamycin spielte lange Zeit als „Standardantibiotikum“ für die Zahnmedizin eine herausragende Rolle. So war Clindamycin 2009/10 mit mehr als 50 Prozent der Verordnungen das absolut dominierende Antibiotikum [Halling, 2010]. 2012 hatte sich der Anteil bereits auf 37,8 Prozent reduziert und liegt 2024 nur noch bei 17,5 Prozent (−53,7 Prozent) (Tabelle 2). Diese Entwicklung ist tatsächlich zu begrüßen, da Clindamycin in der Standarddosierung lediglich bakteriostatisch wirkt und mittlerweile eine sehr ungünstige Resistenzlage aufweist. Zudem ist Clindamycin derjenige Wirkstoff, zu dem in den vergangenen 15 Jahren in Deutschland am häufigsten zahnärztliche Nebenwirkungsmeldungen erfolgten [Halling et al., 2026). Besonders hervorzuheben sind die zahlreichen gastrointestinalen Nebenwirkungen, insbesondere auch die potenziell tödliche pseudomembranöse Colitis, die sich bei manchen Patientinnen und Patienten erst Wochen nach der Einnahme entwickeln kann. Insgesamt war die Rate der „fatalen“ (also zumeist tödlichen) Nebenwirkungen in einer umfangreichen retrospektiven Studie bei Clindamycin 29-mal höher als bei Amoxicillin [Thornhill et al., 2019]. Interessant ist der Vergleich der zahnärztlichen Verordnungen zur Gesamtzahl der Clindamycinverordnungen in Deutschland (Abbildung 1). Während die zahnärztlichen Verordnungen seit 2012 von 12,9 Millionen DDD auf 6,2 Millionen DDD (−51,9 Prozent) sanken, steigerten sich im gleichen Zeitraum die Verordnungen von Clindamycin bei den Ärzten von 6,2 Millionen DDD auf 15,2 Millionen DDD (+ 145,2 Prozent) [Albrecht et al., 2024; Daubländer und Höcherl, 2026; Kern, 2026]. Somit reduzierte sich der Anteil zahnärztlicher Verordnungen von Clindamycin an allen Verordnungen von 67,5 Prozent im Jahr 2012 auf nunmehr 29 Prozent (Abbildung 1). Betrachtet man allerdings die Situation im internationalen Vergleich, muss man festhalten, dass in Ländern wie Australien, Großbritannien und USA der Anteil nur zwischen 5,1 Prozent und 14,3 Prozent liegt [Thompson et al., 2022]. Resistenzen in der Zahnmedizin Bakterielle Antibiotikaresistenzen stellen für die Gesellschaft ein großes Problem dar. Es wird geschätzt, dass in Deutschland die Anzahl der Todesfälle, die mit einer Infektion mit antibiotikaresistenten Keimen assoziiert waren, im Jahr 2019 bei circa 45.700 und der direkt einer Erregerresistenz zuzuordnenden Todesfälle bei 9.600 lagen [Meštrovićet al., 2026]. Auch im politischen Umfeld wird dieses Thema mittlerweile verstärkt wahrgenommen. Dies zeigt sich zum Beispiel daran, dass 2024 beim Deutschen Bundestag ein interfraktioneller Parlamentskreis „Antimikrobielle Resistenzen“ gegründet wurde, da „ein Thema wie Antibiotikaresistenz eine ressortübergreifende Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik“ benötige [Deutsches Netzwerk gegen antimikrobielle Resistenzen, 2024]. In den letzten Jahren wurden zunehmend Initiativen eingeleitet, um die Entstehung und Ausbreitung von Resistenzen einzudämmen, etwa die aktualisierte Deutsche AntibiotikaResistenzstrategie DART 2030 [Bundesministerium für Gesundheit, 2023], die von allen relevanten Akteuren eine Beteiligung an der Eindämmung von Antibiotikaresistenzen einfordert. Ziel ist, dass in Krankenhäusern, bei niedergelassenen Medizinern, Zahnärzten und Tierärzten gleichermaßen ein verantwortungsvoller Einsatz von Antibiotizm116 Nr. 15-16, 16.08.2026, (1192) Abb. 1: Übersicht der ärztlichen und zahnärztlichen Clindamycin-Verordnungen in Deutschland 2012 und 2024 im Vergleich. Übersicht der Clindamycin-Verordnungen Mio. DDD Quelle: Schwabe, 2013; Albrecht et al., 2024; Daubländer und Höcherl, 2026; Kern, 2026 zahnärztlich ärztlich 0 10 20 30 2012 6,2 12,9 19,1 2024 15,2 6,2 21,4
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