Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 15-16

ZAHNMEDIZIN | 47 ka einschließlich einer regelmäßigen Reflexion des eigenen Verhaltens der Standard wird [Bundesministerium für Gesundheit, 2023]. Die Vorgabe der DART 2030 sowie der EU-Regulation von 2023 ist eine Senkung des Antibiotikaverbrauchs in Deutschland bis 2030 um neun Prozent gegenüber 2019 [European Union, 2023; RKI, 2025]. Auf der Basis der aktuellen Daten aus dem Jahr 2024 (Tabelle 1) liegt der Wert für die Zahnmedizin mit 34,5 Millionen DDD jedoch 2,8 Millionen DDD (+ 8,8 Prozent) über dem Referenzwert von 2019 [Albrecht es al. 2024]. Ein essenzieller Baustein der DART 2030 ist das Konzept des „Antibiotic Stewardship (ABS)“. ABS fördert die rationale Antibiotikaverordnung und unterstützt die Akteure im klinischen Bereich, den Antibiotikaeinsatz gezielt und nachhaltig zu optimieren [Bundesministerium für Gesundheit, 2023; RKI, 2025]. Im Fokus der bisherigen ABS-Ansätze stand dabei ganz überwiegend der stationäre Sektor. Der ambulante Sektor, in dem etwa 85 Prozent aller Antibiotika verbraucht werden [RKI, 2026], blieb hingegen zunächst unterrepräsentiert. Gerade in diesem Bereich führen aber Unsicherheiten in der Verordnungspraxis dazu, dass neben rationalen Aspekten auch nichtkognitive und emotionale Prozesse sowie Gewohnheiten Einfluss auf das Verordnungsverhalten nehmen [Renk et al., 2026]. In den letzten Jahren entwickelte sich allerdings eine Reihe von Projekten auch zum ambulanten ABS [Gornyk et al., 2019; Andres et al., 2020]. Aktuell wird eine S3-Leitlinie zu ABS im ambulanten Bereich vorbereitet. Zur Beurteilung der Resistenzsituation ist ein Blick auf die bakterielle Flora odontogener Abszesse notwendig. Es handelt sich um eine Mischflora, bestehend aus aeroben, fakultativ anaeroben und strikt anaeroben Keimen [Böttger et al., 2021; Heim et al., 2021; Meinen et al., 2021; Bigus et al., 2023; Fischer et al., 2025; Grillo et al., 2025; Neckel et al., 2025]. Durchschnittlich finden sich 2,5 bis 2,9 Bakterienspezies pro Infektion [Fischer et al., 2025; Søndenbroe et al., 2025]. Meist ist es nicht einfach, aus dem Erregergemisch einen bestimmten Erreger zu isolieren, der als Abszessauslöser eindeutig zu identifizieren ist. Als häufige aerobe Erreger sind grampositive Kokken wie Strepto- und Staphylokokkenstämme anzutreffen. Zusätzliche Erreger wie Enterokokken, Klebsiellen, Neisserien, Capnocytophaga gingivalis, Actinobacillus actinomycetemcomitans oder Eikenella corrodens sind ebenfalls häufig nachweisbar [Heim et al., 2021]. Die häufigsten anaeroben Keime sind Prevotella species, Peptostreptococcus und Porphyromonas, Bacteroides und Fusobakterien. Der wesentliche Schritt zur Ausheilung eines Abszessgeschehens ist und bleibt die suffizienteEröffnung und Drainage der Abszesshöhle. Trotzdem kann bei Symptomen wie Schluckbeschwerden, Kieferklemme oder Atemnot, bei Ausbreitungstendenzen in weitere Logen oder bei vorerkrankten Patienten wie Diabetikern eine unterstützende orale oder intravenöse Antibiotikatherapie angezeigt sein, um die systemische Reaktion der Infektion einzudämmen [Heider und Al-Nawas, 2021]. „Lagebild“ im deutschsprachigen Raum In diesem Zusammenhang sollen die hier vorgelegten Daten zu Resistenzsituation in der Zahnmedizin ein rationales Verordnungsverhalten der Zahnärztinnen und Zahnärzte in der Praxis fördern. In dem umfangreichen Review von Grillo und Kollegen wurde nachgewiesen, dass in unterschiedlichen Regionen der Welt verschiedene Antibiotika(kombinationen) zur Behandlung odontogener Infektionen verwendet werden, wodurch auch unterschiedliche Resistenzsituationen entstehen [Grillo et al., 2025]. Somit ist es sinnvoll, gezielt das „Lagebild“ für die Zahnmedizin und MKGChirurgie im deutschsprachigen Raum darzustellen. Leiderfinden sich nur wenige aktuelle Studien aus Deutschland beziehungsweise Österreich, die Antibiotikaresistenzen bei odontogenen Infektionen beleuchten. Im Einzelnen sind es vier retrospektive Studien aus mund-, kiefer- und gesichtschirurgischen Kliniken [Heim et al., 2021; Meinen et al., 2021; Bigus et al., 2023; Fischer et al., 2025] und eine prospektive Studie aus der MKG-Chirurgie der Charité in Berlin [Neckel et al., 2025]. Nur eine Untersuchung analysierte zusätzlich retrospektiv Daten aus zahnärztlichen Praxen [Meinen et al., 2021]. Die Untersuchungen an den Universitätskliniken Bonn [Heim et al., 2021], Wien [Bigus et al., 2023], Jena [Fischer et al., 2025] und Berlin [Neckel et al., 2025] umfassten die mikrobiologischen Untersuchungen von insgesamt 1.545 Patienten. In der Studie von zm116 Nr. 15-16, 16.08.2026, (1193) „Der verantwortungsvolle Einsatz von Antibiotika ist Voraussetzung für eine wirksame Therapie heute und für den Erhalt ihrer Wirksamkeit in der Zukunft.“ PD Dr. Dr. Frank Halling Lehrbeauftragter Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Universitätsklinik Marburg Baldingerstr., 35043 Marburg Foto: privat Dr. Tim Eckmanns Robert Koch-Institut Fachgebiet 37 – Nosokomiale Infektionen, Surveillance von Antibiotikaresistenz und-verbrauch Seestr. 10, 13353 Berlin Foto: RKI

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