Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 15-16

ZAHNMEDIZIN | 49 teten Antibiotika keine ausreichende Wirksamkeit mehr zeigen [Meinen et al., 2021; Bigus et al., 2021] (Tabelle 4). Da Clindamycin auch bei den Anaerobiern sehr hohe Resistenzquoten aufweist (Tabelle 4) [Bigus et al., 2023], wird in verschiedenen Publikationen der Einsatz dieses Antibiotikums im zahnmedizinischen Bereich auch aus mikrobiologischen Gründen sehr kritisch gesehen [Heim et al., 2017; Fischer et al. 2025; Schmid et al., 2026]. Resistenzuntersuchungen bei anaeroben Keimen wurden bisher fast ausschließlich in der Parodontologie durchgeführt [Jepsen et al., 2021], im Zusammenhang mit odontogenen Infektionen gibt es dazu nur wenige Daten [Bigus et al., 2023; Neckel et al., 2025]. Nur in der Studie von Meinen et al. wurden neben Abstrichen aus dem stationären Bereich auch Abstriche aus zahnärztlichen Praxen einbezogen. Da die Untersuchungen bereits zwischen 2012 und 2019 durchgeführt wurden, fehlen aktuelle Vergleichswerte [Meinen et al., 2021]. Allerdings zeigt sich im ambulanten als auch stationären Sektor, dass praktisch alle gängigen oralen Antibiotika keine oder nur eine sehr unsichere Wirksamkeit gegen Staph. aureus zeigen. Bei den Makroliden, die ja zur „Watch“- Gruppe gehören, gilt dies auch für die Streptokokken. Im Gegensatz zu den Daten aus den Kliniken sind die Resistenzraten der Standardpenicilline und Aminopenicilline bei den Streptokokken in den Praxen mit weniger als drei Prozent sehr gering (Tabelle 5). Kombinationen von Aminopenicillinen mit Betalaktamasehemmern wurden leider nicht in die Studie von Meinen et al. einbezogen. Möglicherweise liegt der Grund darin, dass deren Anteil an den zahnärztlichen Antibiotikaverordnungen im Untersuchungszeitraum zwischen 2012 und 2019 noch deutlich unter zehn Prozent lag (Tabelle 2) [Albrecht et al., 2024]. In der Gesamtschau der vorliegenden Resistenzquoten bieten sich am ehesten Aminopenicilline mit einem Betalaktamasehemmer als wirksame Alternativen an [Zirk et al., 2016; Grillo et al., 2025]. Bei den Kombinationspräparaten sollte jedoch berücksichtigt werden, dass Ampicillin-Sulbactam nur zur intravenösen Anwendung vorliegt und Amoxicillin-Clavulansäure im Vergleich zu Amoxicillin als Einzelwirkstoff neben der bereits erwähnten höheren Lebertoxizität auch häufigere Hautreaktionen und insgesamt deutlich mehr gravierende Nebenwirkungen hervorruft [Thornhill et al, 2019; Ammendolia et al., 2025]. Moxifloxacin hat zwar ein ähnliches Wirkspektrum wie AmoxicillinClavulansäure und muss nur einmal pro Tag eingenommen werden [Diz Dios et al., 2006], allerdings wird auch über schwere kardiovaskuläre Nebenwirkungen (QT-Verlängerung, kardiale Arrhythmien) sowie Aortenaneurysmen und -dissektionen berichtet [Gorelik et al., 2019]. Schlussfolgerungen Obwohl sich die Anzahl der gesetzlich Versicherten in Deutschland in den vergangenen Jahren erhöht hat, wurden im ärztlichen Sektor seit 2012 12 Prozent weniger Antibiotika verordnet, während es im zahnärztlichen Bereich eine Zunahme um 1,5 Prozent gab. Vor diesem Hintergrund sollte jede Indikation zum Antibiotikaeinsatz bei der Therapie und Prophylaxe in der Zahnmedizin im Sinne des ABS nach rationalen und nachvollziehbaren Kriterien überprüft werden. Während die Verordnungen von AmoxicillinClavulansäure steil nach oben gehen, verliert Clindamycin immer mehr an Bedeutung. Diese Entwicklung ist vor dem Hintergrund des ungünstigen Nebenwirkungsprofils und der deutlich höheren Resistenzquoten von Clindamycin zu begrüßen. Standardpenicilline und Metronidazol sind im stationären Bereich kaum mehr wirksam. Makrolide und Moxifloxacin, die zur „Watch“- Gruppe gehören, sind aufgrund der sehr hohen Resistenzquoten beziehungsweise des Nebenwirkungsprofils als Therapiealternative eher nicht empfehlenswert. Infektionen mit Beteiligung von Staph. aureus stellen sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich aufgrund der hohen Resistenzquoten eine besondere therapeutische Herausforderung im zahnärztlichen und MKGBereich dar. Der Fokus zukünftiger zahnärztlicher Antibiotikastudien sollte darauf liegen, zusätzlich zu den Klinikstudien möglichst viele Daten zur Resistenzsituation im ambulanten Sektor (zahnärztliche Praxen, MVZ, Klinikambulanzen) zu gewinnen und verstärkt die Resistenzsituationen bei den Anaerobiern in den Blick zu nehmen. n zm116 Nr. 15-16, 16.08.2026, (1195) Tab.5: Resistenzquoten bei verschiedenen Antibiotika bei Streptokokken spp. und Staph. aureus (Abstriche aus 299 zahnärztlichen Praxen). RESISTENZQUOTEN IN ZAHNÄRZTLICHEN PRAXEN Antibiotikum Resistenzquoten Strept. spp. (in %) Resistenzquoten Staph. aureus (in %) Penicillin V 2,6 >65 Aminopenicillin 2,1 >65 Clindamycin 18 >17 Makrolide 38,5 >17 Quelle: mod. nach Meinen et al., 2021 Fotos: New Africa – stock.adobe.com

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