Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 15-16

PRAXIS | 51 Steckt doch mehr dahinter, etwa eine Sozialphobie oder Angststörung? Eine Abklärung sei in solchen Fällen sinnvoll, empfiehlt die Expertin. Das Team steckt fest Wenn wichtige Gespräche vermieden oder herausgezögert werden und kein Feedback stattfindet, könne es für das Teamwork kritisch werden. „Denn durch FOPO werden gute Impulse, die eigentlich notwendig sind, um Teams weiterzuentwickeln, nicht mehr eingebracht. Die Personen schränken sich selbst dauernd im Kontakt ein“, schildert Handrock die Folgen. Besonders sensible, kluge Mitarbeitende neigten zur FOPO. Dem Team entgingen dann ihreReflektionen, Hinweise und guten Ideen. Handrock wird deutlich: „Ich bewerte FOPO daher auf längere Sicht als massive Belastung für die PraxisTeams.“ Typische Situationen im Arbeitskontext seien Präsentationen, Meetings oder Feedback-Gespräche, in denen man sichtbar ist, etwas abliefern soll und sich bewertet fühlt. Auch die Anwesenheit dominanter Kollegen oder Konkurrenzsituationen könnten Symptome auslösen. „In Situationen medizinischer Versorgung werden natürlich Ärzte und Mitarbeitende automatisch, dauernd von den Patienten bewertet, während sie gerne helfen wollen. Zudem müssen sie sich auch ständig mit anderen vergleichen lassen. Das beinhaltet ein gewisses Risiko für Anfälligkeit für FOPO“, führt Handrock aus. In größeren Praxen kämen Situationen hinzu, in denen die Rollen manchmal nicht klar sind. Die Mitarbeitenden könnten verunsichert sein, wie sie sich denn richtig verhalten sollen und grübelten berechtigterweise darüber nach, ob ihr Verhalten richtig oder falsch war. „Auch positive soziale Rückmeldungen können übrigens solchen FOPO-Druck erzeugen, weil dann eine Angst entstehen kann, dass das aufgebaute, entstandene gute Bild wieder zerstört werden könnte.“ Ein Beispiel aus der Praxis: Die erfahrene ZFA Annika Perlweiß bemerkt an einem Montagmorgen, dass die Terminplanung für die nächsten Tage zu eng getaktet ist. Ihr ist klar, dass das zu Stress, Wartezeiten und Fehlern führen kann. Trotzdem spricht sie das Problem im Team-Meeting nicht an. „Das wird schon irgendwie klappen“, versucht Perlweiß sich innerlich selbst zu beruhigen. Sie übernimmt zusätzliche Aufgaben, obwohl sie ausgelastet ist. Nach außen wirkt sie freundlich und zustimmend. Vielleicht beschwert sie sich nach der Woche bei ihrer engsten Kollegin, nicht aber gegenüber der Praxisleitung. Warum nicht? Sie hat Gedanken wie: „Wenn ich etwas sage, halten mich die anderen für schwierig. Ich möchte nicht als Nörglerin dastehen.“ Sie denkt auch, dass die Chefin sie nicht für belastbar halten könnte. Dazu kommt die Sorge, die Kolleginnen könnten sie nicht mögen. Das ist FOPO: Die Entscheidung wird nicht primär davon geleitet, was fachlich und situativ richtig oder auch für die Patientenversorgung sinnvoll wäre, sondern von der Angst vor der Bewertung durch andere Personen. Mögliche Folgen könnten sein: n Überlastung des Teams n vermeidbare Fehler aufgrund dessen n unausgesprochene Konflikte n Frustration bis hin zur inneren Kündigung n Entstehung einer Kultur, in der Probleme nicht offen angesprochen werden. Alternativ – ohne FOPO – könnte Perlweiß sagen: „Mir ist aufgefallen, dass in den kommenden Tagen mehrere aufwendige Behandlungen anstehen. Sie folgen direkt aufeinander. Ich habe da die Sorge, dass wir zeitlich unter Druck geraten. Können wir den Ablauf gemeinsam noch einmal prüfen?“ Damit wäre die sachliche Beobachtung im Vordergrund, nicht die Sorge darüber, wie andere sie bewerten könnten. Gerade in kleineren Praxisteams, in denen Harmonie und gute Beziehungen sehr wichtig sind, kann FOPO subtil auftreten. Die Team-Mitglieder vermeiden notwendige Rückmeldungen, um Zustimmung, Zugehörigkeit oder ein positives Bild bei den Kolleginnen und Vorgesetzten nicht zu gefährden. Der Chef lebt vor Prinzipiell geht es laut Handrock darum, systematisch psychologische Sicherheit am Arbeitsplatz und somit eine wirksame Fehlerkultur aufzubauen. Dies umfasse fehlerfreundliche Rückmeldungssysteme und die regelmäßige Bestärkung der Mitarbeitenden, ihre Meinung und ihre Fragen zu äußern. „Stellen Sie in den Meetings klar, dass es für Sie keine dummen Fragen gibt und Unklarheiten, Ideen und Kritik jeglicher Art grundsätzlich zm116 Nr. 15-16, 16.08.2026, (1197) WAS IST FOPO? Die Angst vor der Meinung anderer (engl. Fear of People's Opinion, kurz „FOPO“) ist ein Phänomen, das sich durch eine lähmende, körperlich spürbare Sorge vor der Bewertung durch andere äußert. Beispielsweise steigt der Puls, die Muskeln verspannen und der Bauch grummelt. Betroffene versuchen, Situationen zu vermeiden, in denen sie von anderen bewertet werden könnten, oder sie fliehen aus ihnen. FOPO ist keine medizinische Diagnose, sondern ein soziales Phänomen. Es umfasst zudem die Sorge vor der Bewertung der Bewertung. Die Gedanken kreisen also nicht nur darum, was die Leute tatsächlich von einem denken, sondern auch darum, was sie von einem denken könnten. „Man kann trainieren, die eigenen Werte und Ziele auszurichten und die Bewertung durch die anderen dabei stärker in den Hintergrund treten zu lassen.“ Dr. Anke Handrock, Zahnärztin, Coach und Kommunikationstrainerin Foto: Sarah Dulgeris

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