GESELLSCHAFT | 43 Schnell zeigte sich: Die Polizei kam allein nicht weiter und zog daher andere Experten hinzu. Fernmeldetechniker der Deutschen Bundespost sollten herausfinden, ob dem Hokuspokus ein technischer Trick zugrunde lag. Sie verlegten im gesamten Haus neue Leitungen und versuchten das Geheimnis um Chopper sogar mit einer Fangschaltung zu lüften. Auch hier: Fehlanzeige. Ihre Bemühungen wischte Chopper mit einem Satz vom Tisch: „Ich habe weiter eine gute Leitung!“ Selbst der Leiter des parapsychologischen Instituts der Universität Freiburg, Hans Bender, stattete der Praxis einen Besuch ab. Er galt in der damaligen Bundesrepublik als Geisterjäger Nummer eins und war bekannt für seine Feldforschung zu Poltergeistern. Nach einem Rundgang durch den Bungalow aus den 1960er-Jahren und einem Gespräch mit Praxischef Bachseitz kam Bender jedoch zu dem Schluss, dass Chopper höchstwahrscheinlich ein „irdisches“ Phänomen sei. Falls es sich doch um eine „paranormale“ Erscheinung handle, sei diese auf Basis seiner Erfahrungen jedenfalls „total atypisch“. Die SOKO „Geist“ soll’s richten Im Februar 1982 kommt es zur nächsten – und letzten – Eskalationsstufe der Geisterjagd: Die Kriminalpolizei Regensburg trat auf den Plan und gründete die SOKO „Geist“, unterstützt von Technikern des Landeskriminalamts München. Einen guten Job zu machen, fiel dem Einsatz-Team schwer, denn mittlerweile war um Chopper ein riesiger, geradezu hysterischer Hype entstanden: Neutraubling und die Praxis wurden von den Medien überrannt. Selbst aus dem Ausland, ja aus Neuseeland und den USA, rückten Journalisten in der Oberpfalz an. Insbesondere die junge Zahnarzthelferin avancierte kurzzeitig zum Star in den Boulevardmedien. Manche Berichte bezeichneten Judenmann sogar als Medium, das mit dem Jenseits ins Kontakt stand. Der Spiegel-Redakteur Fritz Rumler ließ sich undercover von Bachseitz behandeln. Am 28. Februar schilderte er in einer Reportage, wie Chopper ihn aus dem Spuckbecken als „Preußenzipfel“ und „Arschloch“ beschimpft hatte. Er habe sich im Behandlungszimmer umgeschaut – aber: „Hinter meinem Rücken, am Waschbecken, steht nur die Helferin des Mediziners, Claudia, eine Zuckerpuppe von 16 Jahren. Als der Grunzer schweigt, spricht Claudia liebevoll ins Becken: ‚Sag doch noch was, Chopper.‘“ Der Geist ließ sich nicht zweimal bitten und blökte: „Der Rumler ist ein Dummler!“ Der Journalist verließ die Praxis, wie er schrieb, leicht gekränkt – aber zugleich überzeugt, dass es sich um ein abgekartetes Spiel handelte. Am Rosenmontag war Schluss Auch die SOKO um Hauptkommissar Norbert Czerny glaubte an eine „irdische“ Ursache. Das Team versuchte, trotz der chaotischen Zustände in der Praxis den Überblick zu gewinnen. „Wir haben uns dumm gestellt und alles auf uns wirken lassen“, erzählte Czerny viele Jahre später in einem Interview. Genau das brachte den Durchbruch. Am 4. März 1982 fiel einem Beamten auf, dass Judenmann immer mit dem Rücken zum Raum stand, wenn Chopper sich bemerkbar machte. Der Polizist behielt sie daraufhin genau im Auge und beobachtete schließlich in einem Spiegel: Wenn Chopper sprach, bewegte die Zahnarzthelferin ihre Lippen. Damit hatte der Spuk ein Ende: Der Zahnarzt, seine Ehefrau und die Mitarbeiterin wurden zum Verhör auf die Polizeiwache gebracht – und gestanden alles. Wie die Ermittlungen ergaben, hatte es am Anfang wirklich Telefonanrufe in der Praxis gegeben. Ob von Bachseitz’ Ehefrau aus Langeweile oder aus Eifersucht auf Judenmann getätigt oder von tatsächlichen Verehrern der Zahnarzthelferin, ist nicht geklärt. Sie brachten die 16-Jährige allerdings auf die Idee, Chopper zu erschaffen – wobei ihr Chef mitzog. Chopper ist also die Geschichte eines Pranks, der völlig außer Kontrolle geriet. Für Judenmann endete das nachfolgende Gerichtsverfahren mit einer Geldstrafe von 1.500 Mark. Aufgrund des Rummels um ihre Person nahm sie eine andere Identität an. Bachseitz und seine Frau schlossen die Zahnarztpraxis und wurden zu einer Strafzahlung in Höhe von 35.000 Mark verurteilt. Kurze Zeit später begaben sie sich in eine psychiatrische Klinik. Insgesamt 60.000 Mark und mehrere hundert Arbeitsstunden hatte die Jagd auf Chopper verschlungen. Es sei absolut erstaunlich, wie lange es gedauert habe, den Fall zu lösen, resümierte Czerny rückblickend. Einmal sei beispielsweise ein Beamter auf die Toilette gestürmt, wo Schreie von Chopper zu hören waren. „Als er die Tür aufriss, stand dort Claudia mit hochrotem Kopf und stammelte, der Geist habe sie dorthin befohlen“, so der Kommissar. Man glaubte ihr. Auch diesem Umstand maß damals keiner der Beamten größere Bedeutung zu: Chopper terrorisierte die Praxis jeden Tag, außer montags – wenn Claudia Judenmann Berufsschule hatte. sth zm116 Nr. 17, 01.09.2026, (1285) ZAHNMEDIZIN SCHREIBT GESCHICHTE(N) Sie kennen die Geschichte der Zahnmedizin? Dann lassen Sie sich überraschen! Denn in zm-History geht es nicht um die Meilensteine in Forschung und Lehre – in unserer neuen Reihe erinnern wir an Zahnärztinnen und Zahnärzte, deren einzigartige Storys es um die Welt geschafft haben und die heute trotzdem niemand mehr kennt. Reality meets fiction: Die Ereignisse in Neutraubling inspirierten eine Folge der Europa-Hörspielreihe „Larry Brent“. Auf dem Klappentext heißt es: „Chopper – wer kennt ihn nicht, diesen Namen, der wochenlang für Schlagzeilen gesorgt hat? Nun ist er wieder da!“ Foto: zm/sth
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