54 | ZAHNMEDIZIN METASTASIERUNG EINES SOLITÄREN FIBRÖSEN TUMORS Wenn „low risk“ täuscht Florian Dudde, Lawik Revend, Manfred Giese, Doha Revend Der solitäre fibröse Tumor ist eine seltene mesenchymale Neoplasie mit variablem biologischem Verhalten. Zunächst erscheinen viele dieser Tumoren klinisch indolent und werden histopathologisch einer niedrigen Risikokonstellation zugeordnet. Der Langzeitverlauf ist jedoch nicht immer sicher vorhersagbar, wie dieser Patientenfall zeigt. Die 53-jährige Patientin stellte sich mit einer seit etwa einem Jahr bestehenden, zuletzt progredienten Schwellung im linken Mundboden vor. Klinisch zeigte sich extraoral eine weich imponierende, schmerzlose Auftreibung der linken submandibulären Region. Intraoral war eine Raumforderung des linken Mundbodens palpabel, begleitet von einer diskreten Schleimhautveränderung im lingualen Seitenzahnbereich. Funktionelle Einschränkungen bestanden nicht. Die Magnetresonanztomografie (MRT) zeigte eine gut abgrenzbare Raumforderung im anterioren linken Mundboden (Abbildung 1a). Zur weiteren Abklärung wurde eine Inzisionsbiopsie durchgeführt. Histologisch fand sich eine mesenchymale spindelzellige Neoplasie. Immunhistochemisch und molekularpathologisch ergaben sich Befunde, die mit einem solitären fibrösen Tumor (SFT) vereinbar waren, einschließlich nukleärer STAT6-Expression und mit Nachweis der charakteristischen Genfusion. Insgesamt wurde der Tumor einer niedrigen Risikokonstellation zugeordnet und (nur) die vollständige Entfernung samt engmaschiger Nachsorge empfohlen. Im präoperativen Staging (Kopf, Hals, Thorax, Abdomen) ergaben sich keine Hinweise auf weitere Manifestationen des SFT. Daraufhin erfolgte die vollständige chirurgische Entfernung des SFT über einen zervikalen Zugang, wobei sich der Tumor sehr gut vom umgebenden Gewebe lösen ließ (Abbildung 2). Die histopathologische Aufarbeitung bestätigte die vollständige Resektion (R0). Der postoperative Verlauf gestaltete sich komplikationslos. Die anschließende Tumornachsorge ergab keine Auffälligkeiten. Etwa drei Jahre nach Primärtherapie stellte sich die Patientin mit einer progredienten Dysästhesie im Bereich des linken Nervus alveolaris inferior vor. Äußerlich fanden sich zunächst keine richtungsweisenden Veränderungen. Die daraufhin veranlasste radiologische Diagnostik (MRT) offenbarte eine strikt intraossäre Raumforderung im linken Unterkiefer (Abbildung 1b). Die vollständige linguale Knochenlamelle sprach gegen eine direkte Kontinuität zur ursprünglichen Tumorlokalisation. Zunächst wurde die Unterkieferläsion von intraoral entfernt. Intraoperativ zeigte sich eine enge Lagebeziehung zum Nervus alveolaris inferior, sodass dessen Teilresektion erforderlich wurde. Histopathologisch zeigte sich eine ossäre und perineurale Manifestation desselben Tumortyps mit ausgeprägterer Kernpleomorphie und biologisch aggressiverem Erscheinungsbild. Aufgrund dieses Befunds wurde eine erweiterte onkologische Resektion des betroffenen Unterkieferabschnitts durchgeführt. Abb. 1: Magnetresonanztomografische Bildgebungen der Kopf-Hals-Region im Verlauf: axiale MRT-Aufnahmen des Mundbodens: a) präoperativer Befund mit Raumforderung im linken Mundboden b) Verlaufskontrolle 35 Monate postoperativ mit Nachweis einer suspekten, strikt intraossären Läsion im linken Unterkiefer c) Verlaufskontrolle 49 Monate postoperativ mit Nachweis eines ausgedehnten Lokalrezidivs im Mundboden Foto: Bundeswehrkrankenhaus Hamburg / Florian Dudde zm116 Nr. 17, 01.09.2026, (1296)
RkJQdWJsaXNoZXIy MjMxMzg=