Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 17

56 | ZAHNMEDIZIN die Läsion zunächst vor allem durch eine sensible Störung im Bereich des Nervus alveolaris inferior bemerkbar machte. Solche neurologischen Symptome sollten, insbesondere bei entsprechender onkologischer Vorgeschichte, konsequent abgeklärt werden; dies gilt besonders vor dem Hintergrund möglicher perineuraler Ausbreitungsmuster und der klinischen Bedeutung des Numb-Chin-Syndroms [Smith et al., 2015]. Diagnostik und Differenzialdiagnosen Die diagnostische Einordnung eines SFT im Mundboden ist anspruchsvoll, da Raumforderungen dieser Region klinisch häufig unspezifisch imponieren [Nunes et al., 2020]. Gerade bei langsam progredienten, zunächst wenig symptomatischen Befunden ergibt sich ein breites differenzialdiagnostisches Spektrum, das von Speicheldrüsenpathologien über neurogene und vaskuläre Läsionen bis hin zu anderen mesenchymalen Neoplasien reichen kann. Die klinische Untersuchung und die Bildgebung ermöglichen daher meist nur eine Eingrenzung, aber keine definitive Diagnose. Im beschriebenen Fall zeigte die Magnetresonanztomografie eine suspekte Weichteilläsion im linken vorderen Mundboden, ohne dass eine sichere Entitätszuordnung allein anhand der Bildgebung möglich war. Die endgültige Diagnosesicherung erfolgte histopathologisch unter Einbeziehung immunhistochemischer und molekularpathologischer Befunde. Typisch sind die spindelzellige Morphologie und der nukleäre STAT6-Nachweis, der für die Diagnostik solitärer fibröser Tumoren von besonderer Bedeutung ist [Cunha et al., 2024]. Auch die spätere Unterkiefermanifestation stellte diagnostisch eine Herausforderung dar. Leitsymptom war hier nicht eine ausgeprägte Weichteilschwellung, sondern eine progrediente Dysästhesie im Versorgungsgebiet des Nervus alveolaris inferior. Radiologisch zeigte sich eine osteolytische intraossäre Läsion mit Verlagerung des Nervs und irregulärer kortikaler Begrenzung. Bei einem solchen Befund kommen in der zahnärztlichen und in der mund-, kiefer- und gesichtschirurgischen Praxis zahlreiche Differenzialdiagnosen in Betracht, darunter odontogene Läsionen, entzündliche Veränderungen, primäre ossäre Prozesse oder seltene metastatische Manifestationen [Dunfee et al., 2006]. Die histopathologische Sicherung bleibt deshalb auch in dieser Situation unverzichtbar. Von besonderer Bedeutung in diesem Fall ist auch die spätere Verlaufsdiagnostik. Während sich die erste intraossäre Unterkiefermanifestation noch als lokal begrenzte sekundäre Tumormanifestation darstellte, zeigte das spätere Rezidiv ein deutlich aggressiveres Infiltrationsverhalten mit Beteiligung von Unterkiefer und Beckenkamminterponat. Auch prognostisch ist bei SFT Zurückhaltung geboten. Der Verlauf zeigt nicht nur eine lokale Progression/Rezidivierung, sondern auch die Möglichkeit der systemischen Metastasierung. Der Fall verdeutlicht damit, dass wiederkehrende Beschwerden, neue neurologische Symptome oder radiologisch auffällige Veränderungen im Verlauf konsequent weiter abgeklärt werden müssen. Therapieoptionen Die primäre Therapie des SFT besteht in der vollständigen chirurgischen Entfernung [Kazazian et al., 2022]. Dies gilt auch im Kopf-Hals-Bereich, wo neben der onkologischen Sicherheit stets die funktionelle und anatomische Schonung der benachbarten Strukturen zm116 Nr. 17, 01.09.2026, (1298) Abb. 3: Schematische Übersicht möglicher Manifestationsorte solitärer fibröser Tumoren im Kopf-Hals-Bereich: Dargestellt sind mögliche Lokalisationen im Bereich der oberen Aero- und Speisewege sowie der Nasennebenhöhlen. Foto: Bundeswehrkrankenhaus Berlin / Lawik Revend ZM-LESERSERVICE Die Literaturliste kann auf www.zm-online.de abgerufen oder in der Redaktion angefordert werden.

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