48 | ZAHNMEDIZIN Fettgewebsmenge besondere klinische Relevanz besitzt. Intraorale Lipome sind selten und machen nur etwa 0,5 bis 4,4 Prozent aller oralen Läsionen beziehungsweise benignen mesenchymalen Neoplasien der Mundhöhle aus [Naruse et al., 2015; Pires et al., 2021; Lysenko et al., 2024]. Bezogen auf alle Lipome des Körpers entfallen lediglich etwa ein bis fünf Prozent auf die Mundhöhle [Egido-Moreno et al., 2016; Yoon et al., 2022]. Innerhalb der intraoralen Lokalisationen ist die Wangenschleimhaut die häufigste Manifestationsstelle, gefolgt von der Zunge, der Lippe, dem Mundboden, dem Vestibulum, dem Gaumen, der Gingiva und dem Retromolarbereich [Egido-Moreno et al., 2016; Pires et al., 2021; Lysenko et al., 2024]. Die Zunge stellt damit zwar eine etablierte, aber insgesamt seltene Manifestationsstelle dar. Das mittlere Erkrankungsalter liegt typischerweise in der fünften bis siebten Lebensdekade, mit Mittelwerten zwischen etwa 52 und 62 Jahren [Juliasse, Nonaka et al., 2010; Manor et al.; 2011; Lysenko et al., 2024]. Pädiatrische Fälle sind Ausnahmebefunde [Naruse et al., 2015]. Hinsichtlich der Geschlechtsverteilung zeigen die verfügbaren Daten kein einheitliches Bild; überwiegend wird entweder ein ausgeglichenes Verhältnis oder eine leichte weibliche Prädominanz beschrieben [Manor et al., 2011; Naruse et al., 2015; Egido-Moreno et al., 2016]. Eine geschlechtsspezifische Häufung für Zungenlipome im Vergleich zu anderen intraoralen Lokalisationen ist nicht belegt. Die Ätiologie intraoraler Lipome ist ebenso wie die der Lipome im Allgemeinen nicht abschließend geklärt. Diskutiert werden Differenzierungsstörungen multipotenter mesenchymaler Vorläuferzellen in Richtung reifer Adipozyten, reaktive beziehungsweise hyperplastische Prozesse sowie echte benigne Neoplasien [Juliasse et al., 2010; Pires et al., 2021; Kretschmer, 2022]. Für die Mundhöhle und insbesondere die Zunge existieren keine belastbaren Hinweise auf eine eigenständige, lokalisationsspezifische Genese; vielmehr ist davon auszugehen, dass dieselben pathogenetischen Grundmechanismen wie bei Lipomen anderer Körperregionen zugrunde liegen. In der Literatur werden zudem Zusammenhänge mit hereditären Faktoren, metabolischen Störungen und seltenen Syndromen beschrieben, allerdings ist die Evidenz insbesondere für solitäre intraorale Lipome limitiert [Kretschmer, 2022]. Klinisch relevant ist vielmehr, dass bei jeder ungewöhnlichen, tief gelegenen, rasch progredienten oder histologisch atypischen fettgewebigen Läsion der Mundhöhle die Abgrenzung zu atypischen lipomatösen Tumoren beziehungsweise gut differenzierten Liposarkomen erfolgen muss. Diagnostik Für die praktische Diagnostik entscheidend ist die Abgrenzung benigner Lipome von atypischen lipomatösen Tumoren beziehungsweise gut differenzierten Liposarkomen. In diesem Kontext kommt der MDM2-Genamplifikation eine zentrale Bedeutung zu. Das MDM2-Gen liegt auf Chromosom 12q15; sein Nachweis mittels FISH gilt als hochspezifischer Marker für atypische lipomatöse Tumoren beziehungsweise gut differenzierte Liposarkome, während echte benigne Lipome – wie im beschriebenen Fall – in der Regel keine MDM2-Amplifikation aufweisen. zm116 Nr. 18, 16.09.2026, (1386) Univ.-Prof. Dr. Dr. Peer W. Kämmerer, MA, FEBOMFS Leitender Oberarzt / Stellvertr. Klinikdirektor Klinik und Poliklinik für Mund-, Kieferund Gesichtschirurgie – Plastische Operationen, Universitätsmedizin Mainz Augustusplatz 2, 55131 Mainz Foto: Kämmerer Abb. 4: Klinischer Befund zwei Wochen postoperativ Foto: Universitätsmedizin Mainz Dr. med. Dr. med. dent. Diana Heimes Klinik und Poliklinik für Mund-, Kieferund Gesichtschirurgie – Plastische Operationen, Universitätsmedizin Mainz Augustusplatz 2, 55131 Mainz Foto: privat
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