GESELLSCHAFT | 63 Um Churchills charakteristische Aussprache zu bewahren, also: um sein Markenzeichen zu schützen, konzipierte Fish – damals einer der besten Zahnärzte des Landes – die Prothesen so, dass die Goldplatte und die Vorderzähne ein wenig Spiel zum Gaumen hatten. So konnte der Speichel dazwischen frei fließen, was zusammen mit dem Lispeln den für Churchill typischen Klang erzeugte, heißt es in einer Forschungsarbeit des Royal College. Aufgrund des gleichzeitig konstruktions- und wesensbedingt erhöhten Verschleißes an den Prothesen sei der Premier auf die permanente Betreuung durch seinen Zahnarzt dringend angewiesen gewesen. Die Sonderanfertigungen für seinen Oberkiefer bestanden aus sechs Porzellan-Zahnverblendungen, Platindrähten und eben jener unabsichtlich nicht eng anliegenden Goldplatte, so dass die charakteristische Akustik des wortgewaltigen Politikers zeitlebens konserviert wurde. Zum späteren Verbleib der vier Prothesen gibt es widersprüchliche Angaben. Als Churchill am 30. Januar 1965, sechs Tage nach seinem Tod, im Rahmen eines Staatsbegräbnisses beigesetzt wurde, trug er „wahrscheinlich“ ein Exemplar, berichten verschiedene Quellen. Ein weiteres soll eingeschmolzen worden sein. Und wo sind die Prothesen heute? Klar ist hingegen: Fish übergab seine Kopie an Cudlipp. Der schenkte eine Prothese im Jahr 2000 dem Hunterian Museum. Und das letzte Exemplar wurde von Cudlipps Sohn Nigel im Sommer 2010 für umgerechnet 17.700 Euro versteigert. Im Februar 2024 kam dieses Exemplar dann ein zweites Mal unter den Hammer und wechselte für knapp 27.000 Euro den Besitzer. Der Käufer war nach Angaben des Auktionshauses Codswold ein britischer Churchill-Sammler. mg „Mein Vater erzählte viele Geschichten darüber, wie Churchill seinen Daumen hinter die Vorderzähne legte und sie einfach wegschnippte. Daran, wie weit sie durch den Raum flog und ob sie gegen die gegenüberliegende Wand prallte, konnte er angeblich erkennen, wie gut die Kriegsanstrengungen vorangingen.“ Nigel Cudlipp, Sohn von Churchills Zahntechniker, gegenüber der Nachrichtenagentur AFP Fotos: Yanukit Raiva / gettyimages, Yousuf Karsh / Library and Archives Canada, Youtube-News4Now Eine von Churchills Oberkiefer-Teilprothesen wurde 2024 beim britischen Auktionshaus Codswold für umgerechnet knapp 27.000 Euro versteigert. zm116 Nr. 18, 16.09.2026, (1401) DR. WILFRED FISH ZAHNARZT, FORSCHER, STANDESPOLITIKER UND RITTER Wilfred Fish (1894–1974) war einer der bedeutendsten Zahnärzte seiner Generation. Nach seinem Studium in Manchester und seinem Dienst im Royal Army Medical Corps erwarb er 1924 seinen Doktortitel (MD). 1932 wurde ihm von der Universität London der Doctor of Science (DSc) verliehen. Fish genoss einen hervorragenden Ruf für seine Studien zur Zahnpathologie, zur Ätiologie der Parodontitis und zur Verwendung von Zahnersatz. Neben Forschungspositionen am Royal Dental Hospital und am St. Mary’s Hospital führte Fish eine florierende Privatpraxis und engagierte sich standespolitisch. 1944 wurde er Vorsitzender des Dental Board, 1956 erster Präsident des General Dental Council und später Dekan sowie Direktor des Fachbereichs Zahnmedizin am Royal College of Surgeons of England. Als Anerkennung dieser Leistungen – und auf persönliche Empfehlung Churchills – wurde Fish 1954 in den Ritterstand erhoben. Der Premier selbst informierte seinen Zahnarzt im Januar 1954 darüber per Brief. Darin schrieb er, dass er sehr erfreut sei, dass es ihm zugefallen sei, ihn für eine „well-deserved Honour“ zu empfehlen – und legte dem Brief eine seiner Prothesen bei, mit der Bitte um Nachjustierung.
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