Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 19

50 | ZAHNMEDIZIN Störungen während der Zahnanlagephase sowie traumatische oder systemische Einflüsse. Die hier vorliegende Doppelanlage beider mittlerer Inzisiven ist außergewöhnlich und stellt im Kindesalter eine funktionell wie ästhetisch relevante Problematik dar, die durch die konsekutive Platzproblematik für die seitlichen Schneidezähne zusätzlich verschärft wird. Bei noch nicht abgeschlossenem Kieferwachstum sind prothetische oder implantologische Versorgungen nicht empfehlenswert, da ein osseointegriertes Implantat dem vertikalen Alveolarfortsatzwachstum nicht folgt und infolgedessen infraokkludiert. Eine prothetische Brückenversorgung unter Einbeziehung der Nachbarzähne ist ebenfalls kritisch zu bewerten, da aufgrund der noch weitlumigen Pulpen ein erhöhtes Risiko für pulpare Schädigungen besteht. Auch eine Klebebrücke stellt keine optimale Therapieoption dar. Zum einen ist die zu überbrückende Strecke erheblich, zum anderen sollten die benachbarten Zähne im weiteren Verlauf kieferorthopädisch bewegt werden. Die autogene Transplantation stellt unter diesen Voraussetzungen eine biologische Alternative dar. Der transplantierte Zahn besitzt ein vitales Desmodont, kann revaskularisieren und sich über sein eigenes Wachstumspotenzial in die weitere Gebissentwicklung integrieren [Khoury et al., 2024]. Die Prämolarentransplantation hat sich beim wachsenden Patienten als etabliertes Verfahren zum Ersatz verlorener zentraler Inzisivi bewährt. Insbesondere für Prämolaren mit unvollständigem Wurzelwachstum werden in Metaanalysen Überlebensraten von über 95 Prozent berichtet [Rohof et al., 2018; Sicilia-Pasos et al., 2022]. Auch ein systematischer Review zur autogenen Transplantation in den anterioren Oberkiefer zeigte eine Überlebensrate von 96,7 Prozent [Akhlef et al., 2018]. Die aktuell umfangreichste retrospektive Auswertung zu diesem spezifischen Indikationsbereich umfasste 910 in die Frontzahnregion transplantierte Prämolaren und berichtet nach zehn Jahren Überlebens- und Erfolgsraten von 99,8 Prozent für wurzelunreife Transplantate [Louropoulou et al., 2024]. Diese Ergebnisse werden durch Langzeituntersuchungen mit Nachbeobachtungszeiträumen von über 20 Jahren bestätigt und unterstreichen die hohe Erfolgsquote [Khoury et al., 2024]. Auch jenseits der eigentlichen Transplantation gehört die chirurgische Reposition zum Repertoire der autologen Zahntransplantation, etwa bei retinierten Zähnen in Infraposition oder mit mechanischem Durchbruchshindernis [Khoury, 1986a]. Dies verdeutlicht, dass das biologische Prinzip „eigener Zahn statt Implantat" über den klassischen Transplantationsfall hinausreicht. Die Prognose der Transplantation wird maßgeblich durch die Integrität des Parodonts bestimmt. Die Lebensdauer des Transplantats hängt unmittelbar von vitalen Zellen der Wurzelhaut, den Zementoblasten und den Parodontalfibroblasten auf der Wurzeloberfläche ab. Von ihnen geht die Bildung eines funktionellen parodontalen Ligaments aus [Andreasen, 1981]. Daraus leiten sich die beiden zentralen operativen Grundprinzipien ab: eine möglichst atraumatische Entnahme ohne Manipulation der Wurzeloberfläche sowie eine kurze extraalveoläre Lagerungszeit [Andreasen, 1981; Khoury, 1986b; Khoury et al., 2024]. Dabei ist die Wahl von Unterkieferprämolaren als Spenderzähne in dem vorliegenden Fall ein wesentlicher Vorteil. Untere Prämolaren sind in der Regel einwurzelig und weisen eine vergleichsweise kleine klinische Krone auf. Beides erleichtert die schonende zm116 Nr. 19, 01.10.2026, (1484) Abb. 12: Röntgenkontrolle drei Monate postoperativ. Abb. 13: Klinische Ansicht sechs Jahre postoperativ: Der Wachstumsfortschritt ist an der Lage der zervikalen Kompositgrenze erkennbar; die Lücken im Unterkiefer konnten kieferorthopädisch geschlossen werden. Fotos: Privatzahnklinik Schloss Schellenstein

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