Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 20

38 | TITEL spezialisierte universitäre Struktur. Entscheidend sind vielmehr erreichbare regionale Ansprechpersonen, abgestimmte Versorgungspfade und Einrichtungen, die erkennen, wann eine interprofessionelle oder spezialisierte Einschätzung erforderlich ist. Genau solche gestuften und koordinierten Versorgungsstrukturen hebt die WHO ausdrücklich hervor. Das Angebot braucht Strukturen Genau hier liegt die zentrale Herausforderung in Deutschland. Interprofessionelle Angebote für Menschen mit komplexen Behinderungen entstehen häufig dort, wo einzelne Personen eine besondere Expertise, Ausdauer und Netzwerke mitbringen. Das ist wertvoll – aber strukturell fragil. Wenn solche Angebote an Einzelpersonen hängen, bleibt Versorgung abhängig vom Ort, vom Zufall und vom persönlichen Engagement. Für die Patientinnen und Patienten ist das schwer vermittelbar. Komplexe Behinderungen, seltene Erkrankungen, orofaziale Funktionsstörungen, Schluckprobleme und Unterstützungsbedarf treten nicht nur in der Nähe einzelner Praxen oder Universitätsstandorte auf. Auch Angehörige und Betreuungspersonen brauchen wohnortnah eine erreichbare Beratung. Deshalb sollte die Interprofessionelle Mundsprechstunde nicht als Sonderleistung eines einzelnen Zentrums verstanden werden, sondern als Modell für regionale Versorgungsstrukturen. Eine flächendeckende Umsetzung müsste allerdings nicht bedeuten, dass überall exakt dasselbe Angebot aufgebaut und vorgehalten wird. Denkbar wären regionale Netzwerke aus spezialisierten Zahnarztpraxen, Universitätszahnkliniken, Sozialpädiatrischen Zentren, logopädischen Praxen, Einrichtungen der Eingliederungshilfe und weiteren therapeutischen oder medizinischen Bereichen. Entscheidend wären klare Zuständigkeiten, einfache Überweisungswege, eine finanzierte Koordinationszeit und eine gemeinsame Dokumentation der relevanten Befunde und Ziele. So muss es weitergehen Aus dem ausgezeichneten Modell ergibt sich deshalb ein konkreter Auftrag: Menschen mit komplexen Behinderungen müssen in der zahnmedizinischen Versorgung, in der Aus- und Weiterbildung sowie in Gesundheitsdaten systematisch mitgedacht werden. Erforderlich sind zudem eine angemessene Vergütung und ausreichend Zeit für die interprofessionelle Abstimmung. Die Beratung von Angehörigen, eine gemeinsame Befundung und Koordination sind keine Nebentätigkeiten, sondern zentrale Bestandteile einer bedarfsgerechten Versorgung. Die von Goedicke-Padligur und ihrem Team entwickelte Mundsprechstunde zeigt, wie solch eine Zusammenarbeit praktisch funktionieren kann. Für die Zahnmedizin liegt die nächste Aufgabe darin, aus einzelnen erfolgreichen Modellen verlässliche Netzwerke zu entwickeln – damit die Behandlerinnen und Behandler wissen, wen sie einbeziehen können, und die Patientinnen und Patienten unabhängig vom Wohnort Zugang zu einer bedarfsgerechten Versorgung erhalten. n Die Autorinnen sind über die Deutsche Gesellschaft für Zahnmedizin für Menschen mit Behinderung oder besonderem medizinischen Unterstützungsbedarf (DGZMB) fachlich vernetzt. Diese setzt sich für die Weiterentwicklung bedarfsgerechter und verlässlicher Versorgungsstrukturen für Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf ein. zm116 Nr. 20, 16.10.2026, (1568) DAS KONZEPT AUF EINEN BLICK Bereich Inhalt Zielgruppe Menschen mit komplexen Behinderungen und besonderen oralen, motorischen sowie Kau-, Ess- und Schluckproblemen. Team Zahnmedizin und Logopädie, bei Bedarf ergänzt durch weitere therapeutische und medizinische Fachbereiche. Untersuchung Zahnmedizinischer Befund, Mundmotorik, Lippen- und Zungenfunktion, orofaziale Funktionen sowie Ess- und Trinkverhalten. Maßnahmen Angehörigen- und Betreuendenberatung, logopädische Therapie, orofaziale Regulationstherapie und individuelle Hilfsmittel wie Stimulationsplatten. Mehrwert Gemeinsame Beurteilung statt isolierter Einzelbefunde. Der Alltag der Patientinnen und Patienten wird Teil der Versorgung. Perspektive Regionale Netzwerke und verlässliche Überweisungswege, damit interprofessionelle Versorgung nicht vom Engagement einzelner Zentren abhängt. Dr. med. dent. Gisela Goedicke-Padligur Oberärztin Lehrstuhl und Abteilung für Behindertenorientierte Zahnmedizin, Kom. Ltg.: Univ.-Prof. Dr. J. Jackowski, Fakultät für Gesundheit | Department für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, Universität Witten/Herdecke Foto: Volker Wiciok Jun.-Prof. Dr. AnnaLena Hillebrecht, MME Juniorprofessur für Gero- und Maxillofazialprothetik Klinik für Zahnärztliche Prothetik, Universitätsklinikum Freiburg Hugstetter Str. 55, 79106 Freiburg Foto: Universitätsklinikum Freiburg

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