22 | GESELLSCHAFT zm-HISTORY Das Gipsmodell überführte den Mörder Im Jahr 1846 fertigt der US-Zahnarzt Nathan Cooley Keep für seinen Patienten George Parkman ein Gebiss an. Als Keep dafür die Abgüsse anfertigt, ahnt er noch nicht, dass diese Arbeit vier Jahre später ein entscheidender Beweis in einem landesweit beachteten Mordprozess sein wird – und er damit den ersten forensischen Zahnbefund in einem Gerichtsverfahren liefert. Keep wurde am 23. Dezember 1800 in Longmeadow, Massachusetts, geboren. Er war als Kind handwerklich sehr begabt und interessierte sich nach einer Lehre bei einem Juwelier für Medizin. Darum nahm er ein Studium an der Harvard Medical School auf, dass er 1827 mit dem Doktortitel (MD) abschloss. Parkman war ebenfalls Arzt, stammte aus einer sehr wohlhabenden Familie und war Mitglied der Bostoner Elite. Er hatte in Harvard und Aberdeen (Schottland) studiert und in Paris gearbeitet, bis er 1813 in die USA zurückkehrte. Nach dem Tod seines Vaters 1824 wandte sich Parkman verstärkt dem Immobiliengeschäft zu. Er vermehrte das geerbte Vermögen kontinuierlich, erwarb zahlreiche Immobilien und Ländereien in Boston – und spendete 1846 gar ein großes Grundstück dem Harvard Medical College. Der Philanthrop begann außerdem, Kredite zu vergeben und war für seine langen Spaziergänge durch die Stadt bekannt, um seine Schulden einzutreiben. Der Überlieferung nach war er zu sparsam, um sich ein Pferd zu kaufen. Der Hausmeister schöpfte als erster Verdacht Auf einem dieser Spaziergänge wurde er am 23. November 1849 gesehen, als er das Harvard Medical College betrat, um mit John White Webster zu sprechen. Webster war Dozent für Chemie und Geologie und gehörte ebenfalls zur Bostoner High Society. Doch nachdem er 1835 ein vorgezogenes Erbe genutzt hatte, um in Cambridge ein teures Herrenhaus errichten zu lassen, rissen seine Geldsorgen nicht ab. Überlieferungen nach war Webster stets bemüht, seinen Lebensstandard zu halten, doch sein Professorengehalt reichte bei Weitem nicht aus, um das Haus und die Ausbildung seiner drei Töchter zu finanzieren. Darum lieh sich Webster immer wieder Geld von seinen Freunden. Einer dieser Freunde war Parkman. Seit 1842 nahm er nachweislich immer höhere Summen auf, ohne diese zurückzuzahlen. Laut dem späteren Polizeibericht vereinbarten Parkman und Webster ein Treffen im Medical College, um eine Einigung bezüglich Websters Schulden zu erzielen. Parkman betrat laut Zeugenaussage um 13:45 Uhr das Gebäude. Später am selben Tag stellte der Hausmeister Ephraim Littlefield überrascht fest, dass Websters Labor von innen verschlossen war. Er hörte Wasser im Inneren laufen, obwohl Webster scheinbar nicht da war. Littlefields Verdacht verstärkte sich, als die Nachricht die Runde machte, dass Parkman – den er am 23. beim Betreten des Gebäudes ja gesehen hatte – als vermisst gemeldet wurde. Zudem hatte Webster ihm vor Parkmans Besuch verschiedene Fragen zum Sezierraum gestellt und reagierte später sichtlich aufgeregt, als er vom Hausmeister erfuhr, dass dieser Parkman beim Betreten des Gebäudes beobachtet hatte. Der Hausmeister begann daraufhin, Webster genau zu beobachten. Am 28. November 1849 spähte er durch den Fotos: Yanukit Raiva – stock.adobe.com, Wikimedia Commons, Public Domain Nathan Cooley Keep prägte nach dem Prozess die zahnmedizinische Landschaft der USA nachhaltig: Er war 1867 Initiator und Gründer der Harvard School of Dental Medicine und setzte als ihr erster Dekan die Aufnahme von Robert Tanner Freeman durch. Der ging nach zweijährigem Studium als erster Afroamerikaner in die Geschichte ein, der einen akademischen Abschluss in Zahnmedizin erwarb.
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