GESELLSCHAFT | 23 Spalt unter Websters Tür und sah, wie dieser mehrmals zwischen Ofen und Brennstoffkammer hin und her ging. Als Webster weg war, brach Littlefield durch ein Fenster in das Labor ein und bemerkte, dass das Anzündholz fast aufgebraucht war und sich im Raum seltsame Flecken befanden, die wie Säurespuren aussahen. Am darauffolgenden ThanksgivingWochenende brach Littlefield heimlich die Ziegelwand unter Websters privater Labortoilette auf und stieß auf Leichenteile: Im darunterliegenden Fäkalientank fand er Teile des Beckens, einen rechten Oberschenkel und Teile eines Unterschenkels. In einer Teekiste im Labor lag ein stark behaarter Torso, von dem Arme und Beine abgetrennt worden waren. Im Schmelzofen entdeckte er zudem verkohlte Knochenfragmente, darunter Schädelteile, sowie Zahngold und die Überreste einer künstlichen Zahnprothese mit Kieferknochen. Webster wurde verhaftet und wegen Mordes an Parkman vor Gericht gestellt. Zehntausende verfolgten live den Gerichtsprozess Da Parkman eine bekannte Persönlichkeit war, war die Öffentlichkeit bereits vor Websters Verhaftung von dem Fall fasziniert. Als die Details der Anklage bekannt wurden, wurde der Fall von den Zeitungen ausgeschlachtet. Der im März 1850 begonnene Prozess wurde zum ersten großen Medienspektakel der amerikanischen Rechtsgeschichte. Die Schlagzeilen der Zeitungen drehten sich zwischenzeitlich um nichts anderes. Aufgrund des enormen Andrangs und der begrenzten Plätze im Bostoner Gerichtssaal griffen die Behörden zu einer unkonventionellen Maßnahme: Die Zuschauer durften den Saal nur für jeweils zehn Minuten betreten. Sobald die Zeit vorbei war, wurden sie von den Justizbeamten wieder herausgeführt, um Platz für die nächsten Wartenden in der Schlange zu machen. Durch dieses straffe Rotationssystem konnten im Laufe des zwölftägigen Prozesses schätzungsweise bis zu 60.000 Menschen zumindest einen kurzen Teil der Verhandlung live miterleben. Aufgrund des Zustands der Leiche musste die Staatsanwaltschaft beweisen, dass es sich tatsächlich um Parkman handelte und dass sein Tod ein Tötungsdelikt war. Die Zeugenaussagen von Websters Kollegen der Harvard Medical School waren für die Identifikation der Leichenteile entscheidend. Da der Kopf (abgesehen von Knochensplittern im Ofen) ebenso wie die Organe fehlte, war eine normale Identifikation unmöglich. Dekan Dr. Oliver Wendell Holmes sagte aus, dass die Zerstückelung des Leichnams anhand der Schnitte mit großer Präzision von jemandem durchgeführt worden sein musste, der gründliche anatomische Kenntnisse besaß. Dies passte zum gelernten Mediziner Webster. Und Anatomieprofessor Dr. Jeffries Wyman ordnete alle gefundenen Knochen, Fragmente aus dem Ofen und Gewebeteile akribisch und fertigte eine detaillierte anatomische Zeichnung des Skeletts an, die er im Gerichtssaal präsentierte. Websters Anwälte versuchten mit einer Mischung aus juristischen Formalitäten und Ablenkungsmanövern, Zweifel zu säen. Sie argumentierten, es sei rechtlich unzulässig, jemanden wegen Mordes zu verurteilen, wenn kein intakter Körper und vor allem kein Kopf der Leiche existiere und deren Identität nur auf Indizien beruhe. Außerdem versuchten die Anwälte, die Geschworenen davon zu überzeugen, dass die im Labor gefundenen Körperteile nicht von Parkman stammten, sondern es sich um Stücke medizinischer Sezierleichen handelte, die für den Anatomieunterricht bestimmt und erst vom Hausmeister in Websters Labor gebracht worden waren. Am dritten Prozesstag, dem 21. März 1850, wird Keep dann in den Zeugenstand gerufen. Er identifizierte die im Ofen gefundenen Gebissfragmente zweifelsfrei als seine Arbeit, die er drei Jahre zuvor für Parkman maßgefertigt hatte. Als er die Gipsformen von Parkmans Kiefer präsentierte und unter Tränen beschrieb, wie mühsam er die Zähne für Parkman angepasst hatte, weil dessen Kiefer so asymmetrisch war, wurde es Berichten zufolge totenstill im Saal. Keep drückte die im Ofen gefundenen Metallreste live vor der Jury in die Gipsform – sie rasteten perfekt ein. Späteren Zeitungsberichten zufolge erbleichte Webster in diesem Moment, starrte auf den Tisch, klammerte sich am Geländer der Anklagebank fest und begann heftig zu zittern. Nachdem er an den ersten beiden Prozesstagen fast arrogant und unbeteiligt gewirkt hatte, schien ihm plötzlich klar zu werden, dass ihn sein Status als Harvard-Professor nicht vor dem Galgen schützen würde. Am zehnten Prozesstag wurden noch drei Sachverständige zur Identifikation der Kieferfragmente aufgrund von Keeps Gipsmodell befragt. Einer äußert sich zurückhaltend, zwei hingegen sahen deutliche Identifikationsmerkmale. Am 1. April 1850 befanden die Geschworenen Webster des Mordes an George Parkman für schuldig – er wurde zum Tod verurteilt. Später legte Webster ein Geständnis ab, in dem er erklärte, Parkman im Streit mit einem Holzscheit erschlagen zu haben. Am 30. August 1850 wurde er hingerichtet. mg zm116 Nr. 21, 01.11.2026, (1649) Das Gipsmodell des Unterkiefers von George Parkman mit der zugehörigen historischen Prothesenkonstruktion, angefertigt 1846 von Nathan Cooley Keep, 1850 im Mordprozess gegen John White Webster entscheidendes (forensisches) Beweismittel Foto: Harvard Medical Library, Center for the History of Medicine in der Francis A. Countway Library of Medicine, Harvard University ZAHNMEDIZIN SCHREIBT GESCHICHTE(N) Sie kennen die Geschichte der Zahnmedizin? Dann lassen Sie sich überraschen! Denn in zm-History geht es nicht um die Meilensteine in Forschung und Lehre – in unserer neuen Reihe erinnern wir an Zahnärztinnen und Zahnärzte, deren einzigartige Storys es um die Welt geschafft haben und die heute trotzdem niemand mehr kennt.
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