Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 21

zm116 Nr. 21, 01.11.2026, (1692) 66 | ZAHNMEDIZIN gewebe gemeinsam abbildet und beide Anteile nicht voneinander trennt. Auch ohne Ausgangsaufnahme lässt sich aus einem einzelnen Scan eine dreidimensionale Defektkarte der Schaltlücke in Bezug auf die Nachbarzähne ableiten und daraus die Indikation zur Weichgewebsaugmentation schärfen; bislang belegt ist dies allerdings nur in einer Pilotuntersuchung an 30 Regionen [Mancini et al., 2024]. Die Grenzen des IOS sind banal und alltagsnah: Blut, Speichel und eine eingeschränkte Mundöffnung erschweren den intraoralen Scan gerade bei den Patienten, die operiert werden müssen. Dysgnathiechirurgie – von der Modelloperation zur 3D-Planung Die virtuelle Operationsplanung (VSP) überführt Osteotomien, dreidimensionale Verlagerungen und Zielokklusionen in ein gemeinsames Koordinatensystem. In den Operationssaal gelangt der Plan über computergestützt gefertigte Okklusionssplinte, über knochengetragene Säge- und Bohrschablonen oder über patientenspezifische Osteosyntheseplatten (PSI). Heufelder et al. berichteten für die splintfreie Einstellung der Maxilla mit individuellen Schablonen und Platten bei 22 Patienten eine mediane Lageabweichung von 0,39 mm; die größte Streuung lag in sagittaler Richtung mit einer medianen Lageabweichung von 0,7 mm [Heufelder et al., 2017]. Ein randomisierter Vergleich individueller Platten (PSI; Abbildung 5) gegenüber computergestützten (CAD/CAM-)Splinten ergab eine Abweichung der Oberkieferlage von 1,41 gegenüber 2,20 mm zugunsten der PSI [Li et al., 2021]. Am Unterkiefer ist die Studienevidenz weniger eindeutig. In einer Serie von 30 bilateralen sagittalen Spaltungen bei Klasse-II-Dysgnathien konnten Suojanen et al. die individuellen Platten nur in elf Fällen beidseits unmodifiziert einsetzen; in 17 Fällen waren Anpassungen nötig, in zwei Fällen waren die Platten unbrauchbar. Die Autoren raten deshalb ausdrücklich davon ab, bei der sagittalen Spaltung mit PSI und Bohrschablonen auf den Splint zu verzichten [Suojanen et al., 2017]. Daraus folgt eine praktische Differenzierung für die klinische Arbeit: Der Oberkiefer profitiert derzeit klar von Sägeschablonen und PSI, während der Unterkiefer auf die okklusale Kontrolle (und damit auf den Splint) sowie auf die chirurgische Erfahrung angewiesen bleibt. Studienlage In einer neueren Metaanalyse wurde für die Kombination aus VSP und individueller Sägeschablone eine um etwa 0,54 mm geringere Lageabweichung im Vergleich zur konventionellen Methode berechnet [Lee et al., 2024]. Joachim und Miloro berichteten Abweichungen von 0,04 bis 0,25 mm unter VSP gegenüber 0,29 bis 1,33 mm bei konventionellem Vorgehen [Joachim und Miloro, 2025]. Dem steht eine Metaanalyse gegenüber, die für die Winkel SNA und SNB sowie für horizontale und vertikale skelettale Maße keine signifikanten Unterschiede zwischen virtueller und traditioneller Planung fand, allerdings auf der schmalen Basis von vier metaanalytisch auswertbaren Studien. Die Autoren empfehlen das digitale Vorgehen insbesondere für komplexe Fälle mit hohem räumlichem Orientierungsbedarf [Quadri et al., 2026]. Dieser scheinbare Widerspruch erklärt sich, wenn man auf die Endpunkte schaut: SNA und SNB sind Winkel in der Medianebene; sie bilden genau das nicht ab, was die virtuelle Planung besser kann, nämlich die seitengetrennte, dreidimensionale Kontrolle von Rotation und Transversale. Als Faustregel gilt: Bei Asymmetrie, Schrägstand der Okklusionsebene und segmentierter Maxilla ist die virtuelle Planung der Modelloperation überlegen. Bei einer symmetrischen Klasse II oder Klasse III erreicht eine sorgfältige analoge Planung vergleichbare kephalometrische Endpunkte. Zwei Erwartungen sollte man bremsen. Erstens ist die WeichgewebssimuVIRTUELLE UND KONVENTIONELLE DYSGNATHIEPLANUNG Vergleichender Endpunkt VSP / digitaler Workflow Konventionelle Planung Räumliche Lageabweichung in mehreren Vergleichen im Mittel geringer; ausgeprägte Methodenabhängigkeit bei einfachen oder symmetrischen Fällen klinisch vergleichbare Ergebnisse möglich Kephalometrische Winkel kein durchgängiger Vorteil bei symmetrischen Fällen vergleichbar Asymmetrie / Schrägstände direkte Visualisierung aller Ebenen geometrisch unsicher Transfer in Operationssaal Splinte, Schablonen, individuelle Platten, Navigation Modelloperation, Splinte Planungs- und Operationszeit Planungszeit kürzer; externe Design- und Freigabeschritte beachten. Operationszeit unverändert Labor- und sitzungsintensiv Weichgewebe Simulation möglich, begrenzte Vorhersagegenauigkeit klinische Profilbeurteilung, Erfahrung Tab. 2: Die Angaben ordnen typische Stärken und Grenzen ein, wobei die Ergebnisse stark von den Verfahren, dem Zentrum und der Fallkomplexität abhängen. Quelle: Kämmerer et al. Abb. 5: Patientenspezifische Osteosyntheseplatten (PSI) für eine Oberkieferverlagerung (Planung: MüllerWinter & Heimes; Software: IPS CaseDesigner®, KLS Martin Group, Tuttlingen, Deutschland) Foto: Müller-Winter & Heimes

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