32 | TITEL INTERVIEW MIT PROF. DR. DR. STEFAN HAẞFELD ZUM DENTALEN MRT „Zahnärzte werden künftig MRT-Kompetenzen benötigen“ Seit Sommer 2025 ist in der MKG-Chirurgie am Klinikum Dortmund der Universität Witten/Herdecke das weltweit erste Dental-MRT-Gerät Magnetom FreeMax Dental Edition im Einsatz. Direktor Prof. Dr. Dr. Stefan Haßfeld hat lange zu dentalen Einsatzgebieten der MRT-Technologie geforscht und war an der Entwicklung des Geräts beteiligt. Herr Prof. Haßfeld, als Siemens Healthineers im Juni 2024 mit Dentsply Sirona als dentalem Vertriebspartner das weltweit erste Dental-MRT vorstellte, endete eine fast zwei Jahrzehnte dauernde Debatte, ob die MRT-Technologie irgendwann einmal den Sprung in die Zahnmedizin schaffen würde. Was hat schließlich den Ausschlag gegeben, dass die Industrie jetzt investiert hat? Prof. Dr. Dr. Stefan Haßfeld: Da kamen sicher mehrere Entwicklungen zusammen: Zum einen gibt es in der Zahnmedizin traditionell und tendenziell steigend einen hohen Bedarf an radiologischer Bildgebung für die Diagnostik. Röntgen (und die sofortige Verfügbarkeit der Aufnahmen) gehört für ZahnmedizinerzumtäglichenGeschäft – im Gegensatz etwa zu den Allgemeinmedizinern. Hinzu kommt, dass die Zahnmedizin die Bildgebung noch viel intensiver nutzbringend einsetzen könnte, wenn sie – wie beim MRT – frei von Röntgenstrahlung ist. Ich denke da nur an die Kieferorthopädie. Das Potenzial der MRT-Technologie war also schon immer interessant für unser Fach. Einzelne Arbeitsgruppen an Universitätskliniken haben in den letzten zwei Dekaden auch daran geforscht. Aber es war natürlich offensichtlich, dass allein die schiere Größe der Geräte den Einsatz in einer Zahnarztpraxis unmöglich macht – ganz zu schweigen von den Kosten. Das neue Dental-MRT füllt immer noch problemlos ein Behandlungszimmer. Ja, das ist richtig, aber der Fortschritt spielt sich unter der Haube ab. Innovationen bei der Sensorik und eine Software mit KI-Algorithmen machen es heute möglich, schwächere Signale zu verarbeiten und daraus mit KI-Hilfe bessere Bilder zu generieren – aus weniger wird mehr. Das Dental-MRT gehört zur neuen Generation von NiederfeldMRT-Geräten, die statt mit Feldstärken von 1,5 oder 3 Tesla nur noch mit einer Feldstärke von 0,55 Tesla arbeiten. Das hat zu einer drastischen Senkung des apparativen Aufwands und der Betriebskosten geführt und ebnet jetzt den Weg der MRT-Bildgebung in die Zahnmedizin. Warum ist das Gerät eigentlich so groß, wenn doch nur der Kopf hineinpassen muss? Das Magnetom FreeMax ist ursprünglich als Niederfeld-MRT für die Radiologie entwickelt worden. Die Dental Edition hat zusätzlich eine spezielle Spule erhalten, in die der Kopf des Patienten positioniert wird. Das dentale System besteht, grob gesagt, aus drei Teilen: Mit den sogenannten Sequenzen wird dem Gerät ein Ablaufplan übermittelt, wann das Gewebe in welcher Weise elektromagnetisch angeregt werden soll. Die Sensorik in der dentalen Spule empfängt die Signale und gibt sie an die Software weiter, die schließlich die Bilddarstellungen generiert. Welchen Nutzen kann das dentale MRT in der Praxis bieten? Zunächst einmal ist die Technik frei von Röntgenstrahlung – ein Riesenvorteil, weil das, zumindest theoretisch, eine unbegrenzte Zahl von Aufnahmen ermöglicht. Daneben bringt das MRT einen ganz neuen Blick in die oralen Gewebe mit, sowohl beim Knochen als auch bei den Weichgeweben. Besonders herauszuheben ist, dass wir mit dem MRT versteckte Entzündungen diagnostizieren können. Im Unterschied zur Röntgenbildgebung können wir die Durchblutung, Ödeme und auch Entzündungen im Knochen darstellen. Das ist ein wichtiger Informationsmehrwert des MRT allgemein. Das speziell entwickelte dentale Subsystem zum MRT-Gerät transformiert die Fähigkeiten der Technologie in die Darstellung der zahnmedizinisch interessanten Gewebe. Hier wird noch intensiv geforscht und entwickelt. Eine Arbeitsgruppe im dänischen Aarhus arbeitet gerade an der Optimierung des Zusammenspiels von Sequenzen, Sensorik und Software – das wird die Möglichkeiten für uns sukzessive erweitern. Wir haben aktuell gerade neue Sequenzen für dentale Darstellungen erhalten. Damit kann man beispielsweise frühe Stadien von Knochenentzündungen im Kieferbereich identifizieren. Prof. Dr. Dr. Stefan Haßfeld, Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie – Plastische Operationen an der Universität Witten/Herdecke, Klinikum Dortmund Foto: Klinikum Dortmund zm116 Nr. 08, 16.04.2026, (602)
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