GESELLSCHAFT | 65 ums von etwa 55 bis 65 Jahren passt demnach gut zur historischen Überlieferung, der zufolge Otto I. im Alter von 60 Jahren starb. Der Verstorbene saß regelmäßig im Sattel Stark ausgeprägte Muskelansätze an den Oberschenkel- und den Beckenknochen belegen, dass der Verstorbene regelmäßig als Reiter im Sattel saß, was ebenfalls mit den vorliegenden biografischen Informationen über Otto den Großen übereinstimmt. Besonders an den Knie- und den Hüftgelenken sind Arthrose-typische Veränderungen zu erkennen. Auffällig sind daneben Verknöcherungen von Knorpelgewebe, unter anderem am Kehlkopf und an den Rippen. An der linken Speiche lassen sich Spuren einer verheilten Fraktur erkennen. Der Blick auf den Schädel war besonders aufschlussreich: Im Bereich des Hinterhaupts und des Gesichtsschädels finden sich Spuren verheilter Gewalteinwirkung. Im Kieferbereich fehlen drei obere Schneidezähne, die bereits zu Lebzeiten verloren gingen, womöglich im Zusammenhang mit den anderen Verletzungen am Schädel. Daneben finden sich kariöse Läsionen, Parodontitis sowie eine ausgeprägte Zahnsteinbildung an den unteren Schneidezähnen. An der Schädelbasis und den oberen Halswirbeln zeigen sich einseitig vergrößerte Gefäßkanäle. „Die Untersuchung des Schädels Ottos des Großen ist aus zahnmedizinischer Sicht hochinteressant“, bestätigt Prof. Dr. Dr. Frank Tavassol, Direktor der Universitätsklinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie an der Martin-LutherUniversität Halle-Wittenberg (siehe Kasten). „Besonders auffällig ist das Ausmaß der Parodontitis, die bereits zum Knochenverlust geführt hat, wohingegen Karies lediglich bei einem Weisheitszahn auftritt. Der Verlust der drei oberen Schneidezähne ist zm116 Nr. 08, 16.04.2026, (635) EINORDNUNG VON UNIV.-PROF. DR. DR. FRANK TAVASSOL KAISER OTTOS ZAHNGESUNDHEIT In einem multidisziplinären Forscherteam wurden die Gebeine Kaiser Ottos des Großen erstmals wissenschaftlich untersucht. Einige wichtige Fragen konnten im Rahmen dieser Untersuchungen bereits geklärt werden. Als wichtigste Erkenntnis konnte durch archäogenetische Analysen bestätigt werden, dass es sich tatsächlich um die sterblichen Überreste Kaiser Ottos des Großen handelt. Bei diesem umfassenden Dokumentationsprojekt sind natürlich auch Fragen zur Zahngesundheit sehr interessant. Hierbei haben wir neben der direkten Untersuchung des Schädels und der Zähne auch CT-Untersuchungen hinzugezogen. Neben einer verheilten Nasenbeinfraktur fand sich auch eine Septierung der Kieferhöhlen. Die Klinische Untersuchung ergab, dass Kaiser Otto bereits zu Lebzeiten drei Frontzähne verloren hat: die Zähne 11, 21 und 22. Der Zahn 15 weist eine apikale Läsion auf, und im Gaumenbereich findet sich ein Torus palatinus. Insgesamt fällt eine ausgeprägte Parodontitis auf, sowohl im Ober- wie auch im Unterkiefer, zum Teil mit Furkationsbefall. Der Zahn 38 war nicht angelegt. Besonders auffällig ist der massive Ansatz von Zahnstein im Bereich der Unterkieferfront. Die Unterkieferfrontzähne sind von einer 1–2 Millimeter dicken Schicht Zahnstein regelrecht überzogen, die zu Lebzeiten wohl „verblockt“ gewesen sind (Abbildung 1). Karies hingegen findet sich lediglich an einem Zahn – an Zahn 48. Das ist insofern bemerkenswert, als dass sich, betrachtet man die Molaren im Unterkiefer, keine Prädilektionsstelle in Form von bukkalen Fissuren oder Grübchen findet. Wie es ausgerechnet zu einer Kariesbildung an dieser Stelle gekommen ist, ist daher noch zu klären. Dass sich ansonsten keine kariöse Läsion finden lässt, ist in erster Linie mit der Ernährung zu erklären. Kaiser Otto I. nahm viel tierisches Protein zu sich, darunter auch Süßwasserfisch, jedoch keine Salzwasserfische. Ergänzt wurde der Speiseplan mit Getreide(brei) und Hülsenfrüchten. Hirse hingegen aß er nicht – sie galt zu jener Zeit als Nahrung der ärmeren Bevölkerungsschichten. Die Mengen an Zucker und fermentierbaren Kohlenhydraten von heute standen damals nicht in dem Umfang zur Verfügung. Die Parodontitis hingegen weist (insbesondere im Zusammenhang mit dem massiven Zahnstein) auf eine mangelnde beziehungsweise nicht vorhandene Mundhygiene hin. Nun stehen weitere Untersuchungen an, um die Befunde noch präziser einzuordnen. Univ.-Prof. Dr. Dr. Frank Tavassol Direktor der Universitätsklinik und Poliklinik für Mund-, Kieferund Plastische Gesichtschirurgie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Unterkiefer von Otto I. mit Zahnsteinbildung im Bereich der Unterkieferfront Foto: Frank Tavassol
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