Zahnaerztliche Mitteilungen Nr. 11

52 | ZAHNMEDIZIN Erwachsene, die Träger einer Mutation des kodierenden Gens waren und an einer bereits bekannten Haarerkrankung litten, zeigten auch eine erhöhte Anfälligkeit für Karies. Gefunden wurden eine veränderte Schmelzstruktur und eine deutliche Abnahme der Zahnschmelzhärte, die darauf hindeutete, dass ein funktionierendes Keratinnetzwerk für die mechanische Stabilität des Zahnschmelzes erforderlich ist [Duverger et al., 2014]. Andere Forschende fanden bei der entsprechenden Gen-Mutation eine reduzierte Mineraldichte, eine reduzierte Mikrohärte und eine erhöhte Säurelöslichkeit des betroffenen Zahnschmelzes [Deshmukh et al., 2022]. Ein weiteres Team untersuchte 2025 eine andere Keratin-Variante (KRT15) an Mäusezähnen und fand heraus, dass das Fehlen von KRT15 zur Entwicklung einer abnormen Struktur des Schmelzepithels führt [Chiba et al., 2025]. Es gibt also deutliche Hinweise darauf, dass zumindest bestimmte KeratinVarianten einen Einfluss auf die Zahnentwicklung besitzen und dass ein Fehlen zu Schmelz mit verminderter Qualität führt. Allerdings ist die mit KRT17 assoziierte Erkrankung Pachyonychia congenita und daher auch die Mutation mit weltweit circa 5.000 bis 10.000 Fällen extrem selten [Orphanet]. Für Mutationen von KRT15 sind in der Literatur keine Häufigkeiten zu finden, was darauf hindeutet, dass sie noch seltener vorkommen. Die Erkenntnis, dass es einen Zusammenhang von Keratin und der Säurestabilität von Zahnschmelz gibt, veranlasste ein Forscherteam des King's College in London, Keratin als Substanz zur Förderung der Remineralisation von Schmelz zu untersuchen. In einer Studie wurde in vitro die Wirkung von Keratin (10 Prozent Keratin mit und ohne TEGDMA) auf eine Schmelzerosion im Vergleich zu 1.450 ppm Natriumfluorid und einer unbehandelten Kontrolle, die in künstlichem Speichel gelagert wurde, untersucht. Dabei wurde menschlicher Zahnschmelz zunächst mit 0,3-prozentiger Zitronensäure erodiert, dann das entsprechende Präparat aufgetragen und anschließend nochmals erodiert. Nach jeder Maßnahme wurden der Substanzverlust und die Knoop-Härte gemessen. Hinsichtlich des Substanzverlusts wurde eine statistisch signifikante Überlegenheit nur für Natriumfluorid gegenüber der Kontrolle festgestellt. Bezüglich der Mikrohärte konnten signifikante Unterschiede nur nach der zweiten Erosion festgestellt werden. Hierbei zeigten die beiden Keratin-Gruppen eine statistisch signifikant geringere Härte als die Kontrolle und NaF. Kein Unterschied wurde zwischen der Kontrolle und NaF gefunden [Sukumaran et al., 2026]. In einer weiteren In-vitro-Studie zeigte das Team an künstlich erzeugten White-Spot-Läsionen an menschlichem Zahnschmelz, dass Keratin imstande ist, eine Remineralisation zu fördern und die Mikrohärte sowohl in destilliertem Wasser als auch in einer Mineralisationslösung und in künstlichem Speichel statistisch signifikant zu erhöhen. Eine signifikante Erhöhung der Mikrohärte wurde auch im Vergleich zu als Kontrolle verwendeten Harz-infiltrierten Proben gefunden. Eine Kontrolle mit Fluorid oder einem anderen Wirkstoff, dessen remineralisierende Wirkung belegt ist, fehlte in der Studie. Zusammenfassend beschreiben die Autoren Keratin als klinisch sinnvolles, nachhaltiges Biomaterial für die Reparatur von Zahnschmelz [Gamea et al., 2025]. Diese Schlussfolgerung kann allein aufgrund der vorliegenden In-vitro-Daten nicht geteilt werden. Diese Hypothese muss durch klinische Studien erst noch belegt werden. Hinweise, dass Keratin eine kariespräventive Wirkung haben könnte, gibt es bislang nicht. Self assembling peptides P11-4 ist ein selbstorganisierendes Peptid in einer Flüssigkeit, die nach Reinigung und chemischer Vorbereitung auf eine Initialläsion aufgetragen wird. Es dient also nicht der Kariesprävention, sondern der Remineralisation bereits vorhandener initialer KariesLäsionen. Es ist daher – ebenso wie Keratin – prinzipiell ein mikroinvasives Therapeutikum. P11-4 soll dabei die Regeneration einer Initialläsion steuern und katalysieren. Das einzige verfügbare Produkt heißt Curodont Repair (VARDIS). Es wird als lyophilisiertes Pulver getrennt aufbewahrt und vor der Anwendung rehydriert. Der Wirkmechanismus wird wie folgt beschrieben: Peptide adsorbieren in den Porositäten initialer Läsionen, die sich durch die höhere Löslichkeit von interprismatischem im Vergleich zu prismatischem Schmelz gebildet haben. Dort organisieren sie sich zu länglichen Strukturen, an die sich Kalzium, Phosphat und Hydroxid-Ionen anlagern. Dieser gesteuerte Prozess der Remineralisation konnte in vitro dargestellt werden und zeigte nach zwei Wochen eine signifikante Zunahme der Mineraldichte in untersuchten Initialläsionen [Kind et al., 2017]. Das Produkt enthält zusätzlich 500 ppm Natriumfluorid. Zu Curodont Repair liegen drei systematische Reviews vor, die auf randomisierten, klinisch kontrollierten Studien basieren. Einer stammt aus dem Jahr 2021, zwei aus 2023 [Keeper et al., 2023; Rathore et al., 2023; Wierichs et al., 2021]. Die Übersichtsarbeit von zm116 Nr. 11, 01.06.2026, (910) Prof. Dr. med. dent. Mozhgan Bizhang, MME Universität Witten/Herdecke, Fakultät für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, Abteilung für Zahnerhaltung und Präventive Zahnmedizin Alfred-Herrhausen-Str. 50, 58448 Witten Foto: Universität Witten/Herdecke Univ.-Prof. Dr. Stefan Zimmer Lehrstuhlinhaber und Abteilungsleiter für Zahnerhaltung und Präventive Zahnmedizin, Leiter des Departments für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, Dekan der Fakultät für Gesundheit, Universität Witten/Herdecke Alfred-Herrhausen-Str. 50, 58448 Witten Foto: Universität Witten/Herdecke

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