34 | GESELLSCHAFT zmHISTORY Eine Prothese für „Rasiermesser-Tōjō“ In den Tagen vor seiner Abreise aus Japan sitzt US-Leutnant Jack Mallory auf der Pressetribüne des Internationalen Militärgerichtshofs für den Fernen Osten. Zehn Meter entfernt wartet der ehemalige japanische Premier und Kriegsminister Hideki Tōjō auf sein Todesurteil. Als Tōjō – wegen seiner Kriegsverbrechen „Rasiermesser-Tōjō“genannt – den jungen Zahnarzt entdeckt, lächelt er, deutet auf seine Zähne und verbeugt sich dankbar. Monate zuvor hatte Mallory ihm eine ganz besondere Prothese angefertigt. Solange meine alternden Sinne noch klar sind, erzähle ich meine ‚Tōjō-Geschichte‘.“ So beginnt die Lebensbeichte, die Mallory im Jahr 1995, rund ein halbes Jahrhundert nach dem Vorfall, niederschreibt. Hier folgt seine Geschichte: Wir befinden uns in Tokio, es ist der Sommer 1946: Gemeinsam mit rund 800 weiteren Militärzahnärzten wird Mallory an die in Japan stationierte Armee abgeordnet. Der junge Zahnmediziner hatte sein Studium erst wenige Monate zuvor, kurz vor Kriegsende, in den USA abgeschlossen und dann als Leutnant der Marine in einer Einrichtung an der Bucht von San Francisco gearbeitet. In Tokio angekommen, dient er als Zahnprothetiker im 361. Feldlazarett am Ufer des Sumida-Flusses. Er teilt seine Unterkunft mit fünf weiteren dort stationierten Offizieren, darunter der Zahnarzt George Foster, der mehrmals pro Woche im SugamoGefängnis Notfallbehandlungen sowohl des dort stationierten Militärpersonals als auch der inhaftierten Japaner durchführt. „Eines Abends kam George aus dem Gefängnis zurück und erzählte uns, dass einer seiner Patienten an diesem Tag kein Geringerer als General Tōjōgewesen sei“, schreibt Mallory. „Wie sich herausstellte, sollte George ihm alle bleibenden oberen Zähne ziehen, so dass nur noch sieben Zähne im Unterkiefer übrig blieben.“ Der Auftrag: Zahnersatz für ein Monster „Er fragte mich, ob ich mit ihm ins Gefängnis gehen würde, um Tōjōs Bedarf an Zahnersatz zu beurteilen. Ich war natürlich begeistert, eine der damals berühmtesten – oder berüchtigtsten – Personen der Welt sehen und treffenzu können, die wohl nur von Adolf Hitler übertroffenwurde.“ Mallorys Faszination muss man im historischen Kontext verstehen: Der Foto: U.S. National Archives and Records Administration, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17161107 Nach Japans Kapitulation am 2. September 1945 wurde Tōjō Hideki von den amerikanischen Streitkräften per Haftbefehl gesucht und versuchte, sich durch Suizid am 8. September der Festnahme zu entziehen. Er schoss sich mit einem Revolver in die Brust, doch die Kugel verfehlte sein Herz und er überlebte. In einem Krankenhaus der US Army wurde er behandelt und dann dem Sugamo-Gefängnis überstellt. In den Tokioter Prozessen wurde er dann am 12. November 1948 wegen zahlreicher Kriegsverbrechen zum Tode verurteilt und am 23. Dezember 1948 hingerichtet.
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