GESELLSCHAFT | 35 General und Premierminister hatte den Ruf eines Monsters, weil er als japanischer Befehlshaber eine rücksichtslose Kriegführung betrieb, die während des Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieges (1937–1945) mit schweren Kriegsverbrechen und massenhaften Tötungen einherging. Historische Schätzungen reichen von drei bis zu zehn Millionen getöteten Chinesen. „Doch der Mann, den ich vor mir sah, war nicht der grimmig dreinblickende ,Tōjō – The Razor', den wir so viele Jahre lang auf Fotos und in Karikaturen gesehen hatten, sondern ein müder, großväterlich anmutender älterer Mann“, schreibt Mallory. Am Ende der Untersuchung steht fest, dass Tōjō für die bevorstehende Verhandlung eine Oberkieferprothese bekommen soll. Die Anfertigung erfordert mehrere Besuche. In diesen Wochen reift in dem jungen Soldaten eine Idee ... Statt einer ID wir ein Morsecode eingraviert Damals war es übliche Praxis, dass bei militärischen Zahnprothesen zur Identifikation Name, Rang und Dienstnummer der Person auf ein Stück Papier getippt und unter durchsichtigem Plastik in den Körper der Prothese eingelassen wurden. Mallory „verspürt den starken Drang“, wie er schreibt, in Tōjōs Fall stattdessen den US-Propaganda-Slogan „Remember Pearl Harbor“ in die Prothese einzubringen, „damit er in seinen letzten Tagen darauf herumkauen konnte“. Auch viele der medizinischen und administrativen Mitarbeiter des Krankenhauses drängen den Zahnarzt dazu. Mit Verweis auf seine Berufsethik und die militärische Ethik lehnt Mallory jedoch schließlich ab. Er hatte jedoch das Gefühl, dass es „einen Kompromiss“ geben könnte, der seinen Rachedrang stillt. Und so graviert er in den Rand der Prothese im Morsecode den Pearl-Harbour-Slogan in Punkten und Strichen: „·–· · – – · – – –··· · ·–· ·– –· · ·– ·–· ·–·· ···· ·– ·–· –··· – – – ·–·“ Fortan trägt Tōjō diese Inschrift im Mund spazieren. Die einzigen, die davon wissen, sind zu dem Zeitpunkt Mallory und die Zahnärzte unter seinen Mitbewohnern. „Wir alle hatten uns zur Verschwiegenheit verpflichtet, damit George und ich nicht in große Schwierigkeiten gerieten.“ Als im Februar 1947 zwei Kommilitonen eines Mitbewohners dem zahnärztlichen Dienst in der Gegend zugeteilt wurden, wächst jedoch der Kreis der Mitwisser. Als ein Mitwisser das Schweigen bricht, ... Denn dummerweise erzählt einer dieser Zahnärzte die Geschichte in einem Brief an seine Eltern in Texas – woraufhin der Vater sie an seinen Bruder weitersagt, der sie wiederum einem kleinen lokalen Radiosender gibt. In der Folge berichteten Nachrichtenagenturen die Story und sie ging über die Radiosender und Zeitungen um die ganze Welt. Als Mallory den Anruf eines Reporters mit einer Interviewanfrage erhält, beichtet er die ganze Geschichte daraufhin seinem zahnärztlichen Kommandanten. Der befiehlt Mallory und Foster, umgehend den belastenden Beweis aus der Prothese herauszuschleifen, bevor die Sache noch mehr Aufmerksamkeit bekommt. Noch in derselben Nacht wecken sie den schlafenden General und Mallory entfernt in der Notfall-Praxis des Gefängnisses den Morsecode. ... muss der Beweis schnell beseitigt werden Am nächsten Morgen erscheint die Geschichte in der Militärzeitung „Stars & Stripes“ und George Foster wird ans Telefon zitiert. Am anderen Ende der Leitung ist der für das Gefängnis zuständige Oberst. Den folgenden Dialog beschreibt Mallory so: „Leutnant Foster!“ („Ja, Sir!“) „Haben Sie die heutige Ausgabe der Stars and Stripes gesehen?“ („Ja, Sir!“) „Ist an dem Bericht etwas dran?“ („Nein, Sir!“) „Dann, Leutnant Foster, kann ich die Reporter ruhig einladen, damit sie sich selbst davon überzeugen, dass es NICHT dort steht?“ („Ja, Sir!“) „Sind Sie sich da ABSOLUT sicher?“ („Ja, Sir!“) „Danke, Leutnant.“ Im Juni 1947 endet Mallorys Dienstzeit in Japan. Zurück in den USA gründet er eine Zahnarztpraxis in Kalifornien, in der er bis Mitte der 1980er Jahre praktiziert. 1995 ermutigt Mallorys Sohn Paul den Ruheständler die ‚Tōjō-Geschichte‘ aufzuschreiben. Dabei hatte Mallory den Vorfall bereits gut 25 Jahre zuvor ausgepackt, als er 1969 zu einem Wiedersehen mit japanischen Zahnärzten nach Japan gereist war. Beim Abendessen erzählte er ihnen, was er mit Tōjōs Prothese angestellt hatte. Die Kollegen waren begeistert – aber hielten dicht. mg zm116 Nr. 12, 16.06.2026, (989) 1995 schrieb der Zahnarzt Jack Mallory seine Geschichte von Tōjō Hidekis Prothesen auf. 2014, ein Jahr nach seinem Tod, machten Angehörige seine Erinnerungen über den Facebook-Account „In Loving Memory of Jack Mallory“ öffentlich. Das Foto zeigt Mallory mit einem Gipsmodell von den Zähnen des japanischen Generals. Foto: facebook / InLovingMemoryOfJackMalloryPapaJack ZAHNMEDIZIN SCHREIBT GESCHICHTE(N) Sie kennen die Geschichte der Zahnmedizin? Dann lassen Sie sich überraschen! Denn in zm-History geht es nicht um die Meilensteine in Forschung und Lehre – in unserer neuen Reihe erinnern wir an Zahnärztinnen und Zahnärzte, deren einzigartige Storys es um die Welt geschafft haben und die heute trotzdem niemand mehr kennt.
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